Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Fernsehkoeche kuesst man nicht

Fernsehkoeche kuesst man nicht

Titel: Fernsehkoeche kuesst man nicht
Autoren: Nikola Hotel
Ads
die Anästhesie zu warten!«
    Verhaltenes Gelächter.
    Das Telefon klingelte, und eine der OP-Schwestern nahm den Hörer ab. Nach wenigen Worten streckte sie einen Daumen in die Höhe und nickte mir aufmunternd zu. »Kuttenkeuler ist im Haus!«
    Erleichtert beugte ich mich über meinen Patienten. »Ich werde Ihnen jetzt eine Maske über das Gesicht halten«, erklärte ich mit warmer Stimme, um ihn zu beruhigen.
    »Chloroform?« Sein Kaumuskel zuckte wieder.
    »Nur Sauerstoff.« Ich verbiss mir ein Grinsen. Vermutlich hatte er zu viele Agatha-Christie-Filme gesehen. Dann drückte ich seinen Kopf sanft nach unten, und Raphael Richter schloss die Augen.
    »Atmen Sie ganz normal ein und aus«, wies ich ihn an. Dabei stellte ich aber fest, dass ich selbst die Luft angehalten hatte. Mit zitternden Fingern stülpte ich ihm die Maske über Mund und Nase.
    »2 mg Mivacron i.v.«, sagte ich zu Klaus. Und dann etwas leiser: »Nicht, dass er nachher anfängt zu zucken.«
    Doch Raphael Richter besaß wohl gute Ohren, denn er riss bei diesen Worten die Augen auf und starrte mich angsterfüllt an, die Maske bereits neblig beschlagen. Beruhigend tätschelte ich ihm den Arm und spritzte ihm dann Fentanyl in die Vene, bevor ich einen erneuten Blick zur OP-Tür riskierte: Wo blieb Kuttenkeuler?
    »200 mg Propofol und dann 100 mg Succinylcholin.«
    Ich wandte mich wieder an meinen Patienten. »Träumen Sie was Schönes, Herr Richter! Von Trüffeln oder so.«
    Beinahe in derselben Sekunde verdrehte er die Augen. Eine einzelne Träne rann aus seinem Augenwinkel. Da er nun schlief, hatte ich auch keine Hemmungen mehr, ihn anzufassen, und wische mit den Fingerspitzen die Träne fort. Dann schloss ich ihm behutsam die Lider.
      »Können wir jetzt endlich anfangen?«, polterte Straubing hinter dem grünen Tuch hervor und zerstörte damit diesen feierlichen Augenblick. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn er dabei demonstrativ die Messer gewetzt hätte.  
    Irgendjemand hatte den CD-Player angestellt, und aus den Boxen dröhnte Rammstein mit einem Liedtext, in dem Worte wie Stacheldraht und Harnkanal in einer einzelnen Zeile vorkamen.  
    Innerlich schüttelte es mich, und ich wünschte, dass ich ebenso taub wäre wie der Fernsehkoch gerade.
    »Kann man die Musik vielleicht etwas leiser …« Sechs Augenpaare stierten mich an. »Nein? In Ordnung.« Ich blies die Backen auf.
    Das Piepen des Oximeters wurde langsam dumpfer, und ein Blick auf den Monitor zeigte mir, dass die Sauerstoffsättigung bereits nachließ. Wenn Kuttenkeuler nicht bald durch die Tür trat, dann blieb mir nichts anderes übrig, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
    Rammsteins Liedtext trug nun auch wenig zur Entspannung der Situation bei. Besonders, da er von Straubings Wutschnauben begleitet wurde.
    »Lass uns anfangen«, sagte Klaus plötzlich. Sein Backenbart vibrierte. »Sättigung liegt nur noch bei 78 Prozent.«
    Seufzend baute ich mich hinter dem Patienten auf, zog seinen Kopf zu mir und überstreckte ihm den Nacken. Meine Handschuhe dämpften diese Berührung, was ich doch ein wenig schade fand. Mit zwei Fingern der rechten Hand öffnete ich Raphaels Mund.
    Er hat wirklich schöne Zähne! , dachte ich. So glatt, so gerade, wie kunstvoll aus Marmor gemeißelt. Eine Farbe, heller als Elfenbein. Das Zahnfleisch rosig und fest.  
    Klaus legte mir das Laryngoskop in die Hand. »Wird mal kurz hell im Hals!«, sagte er zum schlafenden Raphael und feixte.
    Ich führte die Spitze des Spatels ein und stellte die Epiglottis dar. Mit ein bisschen Glück hätte ich jetzt eine prima Sicht auf Raphaels Stimmritze. Ich überlegte noch, was für ein schönes Wort das war – Stimmritze. Gerade in Verbindung mit diesem Fernsehkoch erschien es mir irgendwie anregend, ja, geradezu erotisch.
    Raphaels Stimmritze .  
    Ich lächelte und vergaß dabei, das Laryngoskop in Richtung seiner Füße zu ziehen.
    »Warte!«, rief Klaus noch. »Nicht hebeln! Auf keinen Fall hebeln!«
    Da hörte ich es auch schon knirschen.
    Dieses Geräusch durchbrach meine träumerischen Gedanken. Etwas kullerte über das blaue Tuch, das Raphaels Brustkorb abdeckte, und mit Schrecken stellte ich fest, dass ein Stück seines Schneidezahns sich gerade verabschiedet hatte.
    »Oh nein!«, entfuhr es mir.
    »Wie sieht’s aus, Mädchen?«, dröhnte Straubing.
    »So ein Mist!« Mit fahrigen Händen tastete ich nach Tubus und Führungsstab und schob ihn in die Luftröhre. Dann kontrollierte ich die Lage

Weitere Kostenlose Bücher

Le train de la mort
Le train de la mort von Christian Bernadac