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Fernsehkoeche kuesst man nicht

Fernsehkoeche kuesst man nicht

Titel: Fernsehkoeche kuesst man nicht
Autoren: Nikola Hotel
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seinem Handrücken herab. Aber schon im nächsten Augenblick verstand ich, warum Gaby mich vorgewarnt hatte: Mit den strubbeligen, dunkelblonden Haaren sah er einfach verboten gut aus. Gerade, weil sie eine Spur zu lang waren und einen frischen Schnitt vertragen konnten.
    »Guten Morgen.« Ich streckte ihm die Hand hin. Durfte man um halb drei überhaupt schon Guten Morgen sagen? »Ich bin Josephine Henning, die Narkoseärztin.«
    Seine Hand fühlte sich schlaff an. Aber mein Händedruck war um diese Uhrzeit vermutlich auch nicht wie der von Popeye .  
    »Kann ich was gegen die Schmerzen haben, Schwester?«, fragte er und presste die Lippen zusammen.
    Ich seufzte leise. Es war nicht das erste Mal, dass man mich als Schwester titulierte. Genau genommen passierte mir das ständig. Die Leute hörten nicht zu, wenn ich mich vorstellte, und noch weniger besahen sie sich das Namensschild, das an meinem Arztkittel baumelte. Sie registrierten lediglich die langen Haare und die Sommersprossen auf meiner Nase, und dass ich einfach viel zu jung aussah, um bereits Ärztin sein zu können.
    »Bekommen Sie gleich«, versprach ich und zog die kleine Lampe aus meiner Kitteltasche. »Zuerst muss ich Sie untersuchen.«
    Die Haare klebten meinem Patienten verschwitzt in der Stirn. Ich räusperte mich, dann schob ich sie etwas ungelenk beiseite und hob erst sein linkes, dann sein rechtes Augenlid an, um die Pupillenreaktion zu testen.
    Er hatte wasserblaue Augen; mit einer klaren Tiefe, die mich an meinen letzten Kroatienurlaub erinnerte. Genau so hatte das Meer geschimmert, auf dessen Grund man die farbenprächtigsten Fische hatte beobachten können.
    Jetzt war mein Patient allerdings ganz sicher nicht in Urlaubsstimmung, denn seine Stirn glänzte, und über der Oberlippe hatten sich feine Schweißperlen gebildet.
    »Haben Sie irgendwelche Drogen zu sich genommen?«, erkundigte ich mich.
    Er hob erstaunt eine Augenbraue an. »Ich habe Trüffel gegessen.«
    Seine Antwort brachte mich zum Schmunzeln. »Fallen die unter das Betäubungsmittelgesetz?«
     »Nicht dass ich wüsste«, gab er zurück und ließ sich dabei ebenfalls zu einem Lächeln hinreißen. Er hatte sich trotz der Schmerzen seinen Humor bewahrt, stellte ich bewundernd fest und betrachtete ihn eingehend. Dort, wo ich die Haare beiseitegeschoben hatte, entdeckte ich eine kleine Narbe über der rechten Braue. Seine Nase war gerade und die Lippen zart geschwungen. Auf seinen Wangen zeigte sich ein leichter Bartschatten. Fasziniert beobachtete ich, wie ein Muskel an seinem Unterkiefer zuckte. Genauer gesagt, der Musculus pterygoideus lateralis.
    Dieser Mann hatte wirklich einen besonders schönen Kaumuskel!
    Nervös klappte ich seine Akte auf. Ganz oben bei den Patientendaten las ich den Namen Raphael Richter. Ob das ein Künstlername war?
    »Und Sie sind Koch?«, fragte ich und überlegte, wie ich unauffällig weitere Fragen einbauen könnte. Sind Sie verheiratet?, zum Beispiel. Oder: Hatten Sie schon mal irgendwelche Geschlechtskrankheiten? Aber Raphael Richter sah nicht so aus, als sei er gerade besonders empfänglich für Smalltalk dieser Art.  
    »Ich mache eine Kochsendung.«
    »Wie heißt die denn?«, erkundigte ich mich höflich.
    Die Augenbraue schoss erneut in die Höhe. »Die kochende Leidenschaft.« Sein Ton ließ vermuten, dass er mich für eine Hinterwäldlerin hielt, weil ich sie nicht kannte.  
    »Noch nie davon … äh … Ich sehe nicht so viel fern.«
    »Kann ich jetzt endlich ein Schmerzmittel bekommen?«
    »Das gebe ich Ihnen sofort«, versprach ich und köpfte die erste Ampulle. »Hatten Sie schon mal eine Vollnarkose?«, fragte ich, während ich den Inhalt mit einer Spritze aufzog.
    »Keine Ahnung. Als Kind haben sie mir die Mandeln rausoperiert. Macht man das in Vollnarkose?« Er wirkte nun doch ein wenig ungehalten.
    Ich nickte und versuchte, einen besonders fachkundigen Ton anzuschlagen. »Bei Kindern immer. Sind irgendwelche Allergien bekannt?«
    »Nein.«
    »Nehmen Sie Medikamente ein?« Ich überflog das EKG und seinen letzten Laborbefund. Raphael Richter war kerngesund, bis auf die stark erhöhten Entzündungswerte.
    Er schüttelte den Kopf. Beinahe gleichzeitig verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse.
    »Ich spritze Ihnen jetzt etwas gegen die Schmerzen«, sagte ich schnell.
    »Und was genau?«
    »Eine Mischung aus Novalgin und Vomex. Letzteres hilft gegen Übelkeit. Gleich fühlen Sie sich schon viel besser, versprochen.«
    Er nickte und

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