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FBI: Die wahre Geschichte einer legendären Organisation (German Edition)

FBI: Die wahre Geschichte einer legendären Organisation (German Edition)

Titel: FBI: Die wahre Geschichte einer legendären Organisation (German Edition)
Autoren: Tim Weiner
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deutschen Regierung bezahlte Agenten waren. Die Dokumente waren von einem von Wilsons Propagandaexperten ins Weiße Haus geschickt worden, der glaubte, damit den »größten Coup der Geschichte« gelandet zu haben. Der Präsident konsultierte niemanden in der Frage ihrer Echtheit. Es waren Fälschungen, plumpe Fälschungen, die ein zaristischer Betrüger an einen leichtgläubigen Amerikaner verkauft hatte, doch sie veränderten die politische Debatte in Amerika. [32]  
    Auch der Kongress schloss sich jetzt dem Krieg gegen den Kommunismus an. Im Januar 1919 begannen im US-Senat die Anhörungen zur kommunistischen Bedrohung unter dem Vorsitz von Senator Lee Overman vom Rechtsausschuss. Das Justizministerium gewährte Senator Overman uneingeschränkten Zugang zu den Unterlagen des Bureau of Investigation. Im Gegenzug stellte sein Ausschuss dem Bureau Abschriften sämtlicher Berichte aus allen anderen Regierungsbehörden zur Verfügung, die sich in seinem Besitz befanden. Diese Dokumente bildeten den Grundstein für J. Edgar Hoovers Karriere.
    Die Zeugenaussage des New Yorker Anwalts Archibald Stevenson, eines selbsternannten Sowjetexperten, verdeutlicht den Ton dieser Anhörungen.
    »Der Plan ist also, eine Regierung innerhalb dieser Regierung zu bilden?«, fragte Senator Overman. »Und diese Regierung zu stürzen?«
    »Genau«, sagte Stevenson.
    »Und Sie glauben, dass die Bewegung in diesem Land ständig wächst?«
    Stevenson bejahte und sagte, es sei »heute die schwerwiegendste Bedrohung für dieses Land«.
    »Können Sie uns sagen, was man dagegen tun kann?«, fragte der Senator.
    »Die ausländischen Agitatoren sollten ausgewiesen werden«, sagte er, und »amerikanische Staatsbürger, die die Revolution befürworten, sollten bestraft werden.« Das Justizministerium und das Bureau of Investigation sollten allen in Amerika Fingerabdrücke abnehmen. Amerikanische Staatsbürger und Ausländer gleichermaßen sollten verpflichtet werden, einen Personalausweis bei sich zu tragen.
    Abschließend sagte Senator Overman, es sei höchste Zeit, dass »diese Aussage dem amerikanischen Volk bekannt wird, damit es erfährt, was in diesem Land vor sich geht.«
    Im Senat wuchs die Angst vor einer kommunistischen Gefahr, doch in der Bevölkerung schwand der für den Weltkrieg mobilisierte Kampfgeist zusehends. Neun Millionen Amerikaner, die in der Kriegsindustrie gearbeitet hatten, wurden entlassen. Sie fanden nur schwer einen neuen Arbeitsplatz, und das Geld reichte hinten und vorne nicht, denn die Lebenshaltungskosten hatten sich seit Kriegsbeginn fast verdoppelt. Während vier Millionen US-Soldaten nach Hause zurückkamen, gingen vier Millionen amerikanische Arbeiter in den Streik. Eine solche Konfrontation zwischen den Arbeitern und den Bossen hatten die Vereinigten Staaten noch nie erlebt. Für die Hüter von Recht und Ordnung steckten hinter alldem die Kommunisten.
    Am 21. Januar 1919, dem Tag der ersten Anhörung zur kommunistischen Bedrohung im Senat, legten 35000 Werftarbeiter in Seattle die Arbeit nieder. Der Aufstand wurde von Bundessoldaten niedergeschlagen, aber die Streikbereitschaft wuchs im ganzen Land: in den Kohlebergwerken und Stahlwerken, unter den Textilarbeitern und Telefonisten sowie bei den Polizisten von Boston. Hunderte und aberhunderte Streiks streuten Sand ins Getriebe der amerikanischen Industrie. Die Angst vor einer politischen und wirtschaftlichen Krise nahm im ganzen Land zu.
    Das Weiße Haus blieb verlassen zurück, als Präsident Wilson an Bord der USS George Washington den Atlantik überquerte, um Kriegen ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Er und seine engsten Berater gingen nach Frankreich, um seinen Traum von einer League of Nations zu verwirklichen, einem globalen Bündnis, das den Frieden sichern sollte. Wilson nannte es einen »Bund«; seine ganze Mission hatte etwas Messianisches. Seine Kriegsverbündeten England und Frankreich fanden Wilson unerträglich scheinheilig. Ihr Interesse galt der Bestrafung Deutschlands und nicht dem Aufbau einer neuen Welt auf der Grundlage von Wilsons Visionen.
    Ohne einen Friedensvertrag standen die Vereinigten Staaten immer noch im Krieg mit dem Ausland. Und ohne den Präsidenten im Weißen Haus hatte das Land niemanden, der den Krieg im eigenen Land führte.
    Wilson war vom 4. Dezember 1918 bis zum 24. Februar 1919 fern der Vereinigten Staaten. Neun Tage nach seiner Rückkehr brach er erneut nach Frankreich auf und blieb vier Monate. Am Tag, an dem er

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