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Fast genial

Fast genial

Titel: Fast genial
Autoren: Benedict Wells
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Benedict Wells
     
    Fast genial
     
    Roman
     
    Für Adrian und Helene,
    die für mich mich wie
Bruder und Schwester sind
     
    „Where I am, I don't know, I'll never know, in the
silence you don't know, you must go on, I can't go on, I'll go on.“
    Samuel Beckett
     
    Claymont
     
    1
     
    „Ich werde fliehen!“
    Wie so oft saß Francis in der Klinik, neben ihm
seine Mutter. Der Stuhl war zu klein für ihn, die Lehne drückte ihm in den
Rücken. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie er von einer Klippe
sprang und mit dem Kopf voran ins Meer tauchte. Das ist Freiheit, dachte er.
    Währenddessen redete seine Mutter weiter: „Ich werde
hier abhauen oder mich rausklagen. Das ist alles deine Schuld, Francis, du hast
mein Leben kaputtgemacht!“
    Seit er sie mit Hilfe des psychiatrischen Notdienstes
in die Klinik gebracht hatte, war sie nicht besonders gut auf ihn zu sprechen.
Er nahm ein Zehncentstück aus der Tasche und warf es in die Luft. Zahl
bedeutete, dass alles gut ausging, Kopf, dass alles schlecht endete. Gespannt
fing er die Münze wieder auf, doch gerade als er nachsehen wollte, was oben
lag, kam jemand ins Zimmer.
    Es war Dr. Sheffer, der neue behandelnde Oberarzt.
Er nickte Francis zu und berührte die Schultern der vierzigjährigen Frau, die
auf dem Stuhl saß und nun völlig abwesend wirkte. „Seit wann ist sie in diesem
Zustand?“
    Francis rieb sich die Augen. „Seit ungefähr einer Woche“,
antwortete er. „Seitdem ist sie vollkommen irre, wenn man das so sagen kann.“
    Ja, das konnte man so sagen.
    Der Arzt machte sich Notizen und studierte die Unterlagen.
„Hier steht, Ihre Mutter hat eine manische Depression?“
    Francis zuckte mit den Achseln. „So geht das
jedenfalls schon seit Jahren. Und wenn sie dann noch ihre Medikamente absetzt,
kommt der totale Zusammenbruch.“
    Dr. Sheffer blickte die Mutter an, sie sah lächelnd
zurück. Sie schien überhaupt keine Ahnung zu haben, dass von ihr die Rede war.
Die dunklen Haare hingen ihr ins Gesicht, sie hatte Augenringe und schnaufte.
Trotzdem sah sie selbst in diesem Zustand noch einigermaßen gut aus.
    Francis begann von ihrer Krankheit zu erzählen, der
unerklärlichen Aggressivität ihm gegenüber, dem Schlafmangel und ihrem
Verfolgungswahn. So hielt sie ihre Nachbarn für geheime Regierungsmitarbeiter,
die sie ausspionieren wollten. Sie hatte sogar ihr Handy weggeworfen, weil sie
dachte, darin seien Peilsender eingebaut.
    Francis sah zu seiner Mutter, die ihn regungslos
anblickte und dann seine Hand drückte. Und für einen Moment vergaß er den
Wahnsinn und fühlte sich ihr nahe wie vor Jahren als kleines Kind, und es
brach ihm fast das Herz, sie wieder hier sitzen zu sehen.
    „Wie alt sind Sie?“, fragte ihn der Arzt.
    „Ich bin fast achtzehn.“
    „Sie wirken älter.“
    Francis hörte das öfter, und er wusste noch immer
nicht, was er darauf sagen sollte.
    Dr. Sheffer ging weiter die Akte durch. Katherine Angela Dean stand auf dem Deckblatt. Seine Mutter war bereits das
dritte Mal in dieser Klinik, bis auf den neuen Arzt kannte sie jeder. Und ihn
leider auch.
    „Hier steht, dass Sie einen Halbbruder haben.“
    „Ja, Nicky, er ist dreizehn. Er lebt jetzt aber in
New York bei meinem Stiefvater Ryan. Mom und ich wohnen allein.“
    „Was ist mit Ihrem leiblichen Vater?“
    Francis schaute zu Boden. Er wusste nicht, wer sein
Vater war. Seine Mutter hatte es ihm nie sagen wollen, sie hatte nur einmal
gemeint, dass es eine kurze Affäre mit jemandem von weit weg gewesen sei. „Weit
weg“ konnte vieles bedeuten, sein Vater hätte Australier oder Engländer sein
können. Aber wahrscheinlich verbarg sich hinter „weit weg“ nur ein
Yuppie-Arsch, der sich l.a . ansehen wollte und nach einem Spiel der Lakers seine Mom
gevögelt hatte. Sie war bei den Cheerleadern gewesen und hatte viele Verehrer
gehabt. Einer von ihnen hatte damals seine Gene in den Ring geworfen und ohne
es zu wissen einen Sohn gezeugt, und nun verschwendete er wahrscheinlich
keinen einzigen Gedanken mehr daran.
    „Ich kenne meinen Vater nicht. Ich weiß auch nicht,
wie er heißt.“
    Dr. Sheffer nickte. Er klappte die Akte zu und
meinte, dass Francis' Mutter in guten Händen wäre, das Wichtigste sei, dass sie
erst mal zur Ruhe kommen und schlafen würde. Was nichts anderes bedeutete, als
dass man sie mit Neuroleptika und anderen Medikamenten vollstopfte und auf der
Station festhielt.
    Es klopfte an der Tür. Steve, ein übergewichtiger
Pfleger in einem

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