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Fächergrün

Fächergrün

Titel: Fächergrün
Autoren: B Leix
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1
    Der letzte Tag der Maiwald-Brüder war sonnig und heiß. Fronleichnam, der Feiertag im Juni, passend, der Name …
    Anton und Josef gestalteten ihn wie jeden Sonntag und jeden Feiertag. Kirche? Nein. Katholisch waren sie schon, aber 60 Jahre auf dem Bau, sechs Tage die Woche und am siebten Tag der Schriftkram, da blieb nicht mehr viel Zeit übrig für den lieben Gott.
    Weihnachten ja, natürlich immer. Obwohl – jetzt im Alter … Sollte man da nicht öfter?
    Josef sprach es manchmal aus, doch Anton meinte nur: »Bruder, wir haben Zeit. So schnell holt er uns hier nicht weg.«
    Er sollte sich gründlich täuschen.
    Die beiden waren auch mit 80 noch erstaunlich fit, denn für die echte Plackerei hatten sie sich schon früh ihre Handlanger eingestellt.
    ›Mit der Hand am Arm ist nichts verdient‹, diese Erkenntnis war den zwei Maurermeistern bereits aufgegangen, ehe sie 30 waren.
    ›Im Einkauf liegt der Gewinn.‹ Abbruchhäuser zum Spottpreis, renovieren mit der eigenen Firma und dann wieder losschlagen. Aber nur wenn der Preis stimmte. Sonst lieber halten und vermieten.
    Die Rechnung ging auf. Jetzt nannten sie nicht weniger als 17 Mietshäuser ihr Eigen. Überall in Karlsruhe, 188 Wohnungen.
    Die sahen sie sich sonntags immer an. Jeden Sonntag, jedes Haus, immer zu Fuß. Man konnte die Uhr nach ihnen stellen.
    Frühstück um sieben, Hefezopf mit Butter und Honig – Sonntag halt, sonntags gönnten sie sich was –, dazu der obligatorische Malzkaffee, Briefe an die Mieter eingesteckt, um Porto zu sparen und los ging’s.
    Sie klingelten nie, doch fast in jedem der Treppenhäuser, die sie hinaufstiegen, wartete jemand auf die beiden. Defekte Lichtschalter, pfeifende Wasserleitungen, nervende Nachbarn, klopfende Heizungen, wer etwas auf dem Herzen hatte, wusste, wann er die beiden Alten antreffen konnte. Anton notierte alle Wünsche in einem Aufmaßbuch. Die Woche über wurde abgehakt, man konnte sich auf die Brüder verlassen.
    Die meisten Mieter waren zufrieden – die meisten.
    Sonntags gönnten sie sich was. Nach Haus Nummer zehn war Mittag, Mühlburg, Gasthaus mit Metzgerei oder umgekehrt. Der Chef schlachtete auch für die Maiwalds – für jeden ein Schwein pro Jahr. Viel billiger, als alles in kleinen Portionen einzukaufen. Sonntags nahmen sie Rind, jeden Sonntag.
    Sieben Häuser, fünf Kilometer und 400 Treppenstufen später waren sie wieder zu Hause.
    In einem ihrer Objekte wohnten die beiden selbst. Oststadt mit Hinterhof und Lagerschuppen.
    Da stand noch immer der alte Lastwagen, Mercedes natürlich, Kurzhauber, Baujahr 72, moosgrün, mit der weißen Schrift auf beiden Türen: ›Gebrüder Maiwald‹, ein geschwungener Halbkreis, gewölbt nach oben, darunter einfach: ›Karlsruhe‹. Keine Straße, keine Telefonnummer. Wer etwas von den Maiwalds wollte, fand sie in der Nähe ihres Lastwagens. Neben dem Laster ein paar kleinere Baumaschinen, Betonmischer, Rüttelplatte, Gerüstteile, der Rest im Schuppen.
    Alles alt, aber topp gepflegt. Auch ihr gemeinsamer Pkw passte zu der Sammlung: 200er Diesel, riedgrün, 28 Jahre auf dem Buckel und nicht der kleinste Rostfleck, selbstverständlich Mercedes. »Das Teuerste ist auf Dauer das Billigste.«
    Sonntags gönnten sie sich was, Feiertags auch. Eine Flasche Roten zusammen. Seit Jahren derselbe herbe Franzose. Den Jahresvorrat lieferte ihnen einmal im Jahr ein Händler.
    Im Sommer verbrachten sie die Abende draußen im schattigen Hof. Zwei Stühle und ein Tisch neben dem dicken, runden Blech des moosgrünen Kurzhaubers. Eine kleine Bank, falls Besuch kam. Selten.
    Es gab kaum Besuch im Leben der Gebrüder Maiwald, nur Mieter.
    Es gab auch keine Frauen im Leben der Gebrüder Maiwald. »Frauen sind teuer«, sagte Josef gelegentlich und blickte Anton dabei durchdringend an. Anton schaute weg und sagte dabei höchstens: »Zu teuer.«
    Selbst Eva kam nur ein Mal im Jahr. Immer Neujahr, immer aus Anstand. Oder? Anton und Josef waren sich einig: »Der Blick«, sagten sie stets, wenn ihre einzige Nichte wieder gegangen war.
     
    Auch an diesem heißen Feiertag im Juni saßen die Brüder im Schatten. Feiertage waren keine Sonntage, also auch keine ›Haus-Tage‹.
    Trotzdem besondere Tage, Tage, um etwas zu unternehmen. Ausflugstage mit dem tannengrünen Diesel. Gegen sieben waren sie aus dem Schwarzwald zurückgekommen. Die Hochstraße war Pflicht, einmal im Jahr. Baden-Baden–Mummelsee, von dort zu Fuß den steilen Weg hinauf auf die Hornisgrinde, den

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