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Extraleben

Extraleben

Titel: Extraleben
Autoren: Constantin Gillies
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    Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
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    2. Auflage, August 2008
    © 2008 beim CSW-Verlag,
    Weidenstraße 13/1,71364Winnenden
    www.csw-verlag.de
    Titelfoto Marc Dietrich
    Gestaltung und Satz redtrump.weimar
    Druck und Bindung FuldaerVerlagsanstalt GmbH & Co.KG
    Schriften Thesis von LucasFonts,
    Adoreôa und Service Games Oldskool von Freaky Fants
    ISBN 978-3-9811417-5-7 Printed in Germany
     
     
     
    LEVEL 01
     
    »Nein, Herr Vorstandsvorsitzender, ich kann jetzt nicht mehr weiter telefonieren. Ich muss Papierchen aufkleben!« Nick brüllt so laut, dass es selbst in unserer zwei-mal-drei-Meter-Zelle hallt. Ich schrecke hoch und schaue direkt in sein grinsendes Gesicht. Natürlich hat er mit seinem Finger längst auf die Gabel gedrückt. Großes Gelächter. »Sicher, dass du aufgelegt hast?«, frage ich. »Klar«, behauptet Nick, wirft aber trotzdem noch einen verstohlenen Blick zum Telefon und legt ein paar Mal auf. Klick, klick, klick, sicher ist sicher. Wir ringen uns ein weiteres halbherziges Lachen ab, das nach ein paar Sekunden in Gähnen übergeht. »Jaja«, sage ich. »Tja ja«, seufzt Nick und wendet sich wieder den Belegen zu. Drei Papierstapel - Bahnfahrscheine, Taxiquittungen und Hotelrechnungen -liegen fein säuberlich getrennt vor ihm und warten darauf, einzeln - und bitte schön mittig - auf A4-Bögen aufgeklebt zu werden. Er fährt den Prittstift ungefähr fünf Zentimeter raus, sodass er sofort abbricht. Mehr als ein geflüstertes Homer-Simpson- Nein ! ringt ihm das Missgeschick nicht ab. Es ist kurz vor Weihnachten, und wie jedes Jahr um diese Zeit drehen alle in der Redaktion durch. Die Redakteure tippen und telefonieren wie irre, damit sie genug Artikel zusammenkriegen, um an den Feiertagen nicht ins Büro kommen zu müssen. Gleichzeitig treiben sie die Assistenten an, die Fahrtkostenabrechnungen fertig zu machen, damit zum Fest die Kasse stimmt. Das heißt, wir müssen den Prittstift schwingen und gleichzeitig wertvolle Artikel recherchieren, was so kurz vor dem Fest nur eines bedeuten kann: Der gefürchtete Beitrag über die Weihnachtsfeier steht an. So sicher wie das Christkind selbst und das Gejammer über zu früh im Supermarkt angebotene Christstollen - Pflichtsatz: »Können die ja gleich zu Ostern rauslegen« - besucht dieser Bekannte uns im Ressort »Karriere« alle Jahre wieder. Mal kommt er unter der Schlagzeile »So überstehen Sie die Weihnachtsfeier«, mal als »Survivalguide X-Mas« oder »Weihnachtsfeier-Knigge« daher. Drin steht natürlich immer dasselbe: Bieten Sie dem Chef nicht betrunken das Du an, fotokopieren Sie nicht Ihren Hintern, weil - so wird der unvermeidliche Bürotechnik-Experte warnen - das Glas Ihr Gewicht nicht aushält. Trinken Sie außerdem genug Mineralwasser. Dieses Feuerwerk an Selbstverständlichem recyceln die Journalisten dann meistens noch mal zur Karnevalszeit, unter der Überschrift: »So machen Sie sich nicht zum Narren«. Tusch! Da kein Redakteur Lust hat, die Rundfahrt um den Allgemeinplatz selbst anzutreten, bleibt es an den Assis hängen, ein paar Statements zu beschaffen, mit denen der Artikel ausgeschmückt wird. Wir müssen also alle Jahre wieder eine Stilberaterin finden, die empfiehlt, als Grundlage reichlich Nudeln zu essen, und einen politisch-korrekten Personaler, der ernsthaft behauptet, dass die Zeiten der wilden Weihnachtsfeiern ohnehin vorbei sind. Jedes Jahr die gleichen Dementis: Es gibt keine mittelalten Angestellten, die ihre Weihnachtsmann-Mützen zwei Stunden zu lange tragen, und der Satz »Sie stehen doch auf mich, oder?« fällt auch niemals. Normalerweise sammeln wir diese Phrasen am Telefon in einer halben Stunde ein. Doch hin und wieder landet man bei einem Presseschneckchen, das noch nicht verstanden hat, wie total unwichtig unsere Anfrage ist, und die prompt ein Telefon- interview mit dem Personalvorstand organisiert. Da sitzen wir dann und müssen mit einem Menschen, der für das Schicksal

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