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Export A

Export A

Titel: Export A
Autoren: Lisa Kränzler
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1.
    Die Mendenhall Subdivision liegt ca. 120 km nördlich von Whitehorse. Wer die Gegend nicht kennt, wird die Ausfahrt verpassen, weiter dem Alaska Highway folgen und nach Norden treiben, vielleicht bis Old Crow.
    Der Sog, der von diesem Nichts ausgeht, das manche Weite oder Himmel oder Busch nennen, ist stark. Man kann nie wissen, wen er wohin mit sich reißen wird.
    Schwester und Schwager allerdings kennen sich aus und biegen rechtzeitig mit mir ab. Über Schlamm und Schotter rumpeln wir über ein großes Stück Land und ein kleines Stück Lichtung, beides im Besitz meines Schwagers. Die beiden frischverheirateten Landbesitzer haben diesen September eine zweifache Verantwortung übernommen: für ein Versprechen, bis dass der Tod sie scheidet, und für mich, eine 16-Jährige, die offizielle Aufsichtspersonen benötigt, um im Ausland leben zu dürfen.
    Aus dem kniehohen Gras der Lichtung erheben sich eine winzige Holzhütte und ein blauer VW-Bus, Baujahr 1979. In der Hütte steht ein Ofen, im Bus eine Petroleumlampe.
    Gestern schlief ich noch unter dem Dach meiner Eltern, in einem Zimmer mit mannshohen Fenstern nach Norden; heute schlafe ich ein, dicht unter dem Busdach, ohne Fenster, dafür im Norden, während ich auf die heulenden Schlittenhunde und das stöhnende Ehepaar lausche.
    Am Morgen spüre ich meine Zehen nicht mehr. Es hat geschneit. Der Schnee beendet mein Wildcamper-Dasein.
    Wider Erwarten treiben wir schon binnen einer Woche eine neue Bleibe für mich auf. In der Zwischenzeit gewöhne ich mich an die weißen Flocken und finde ausreichend Platz zwischen dem VW-Bus-Mobiliar für meine Liegestützen – die beste Art sich aufzuwärmen.
    Die Woche ist voll von ersten und letzten Malen. Zum ersten Mal gelber Schulbus, zum letzten Mal schwesterliches Lunchpaket, um nur diese beiden zu nennen …
    Ich erinnere mich daran, wie ich den »fruit-to-go«-Streifen, eine pürierte, getrocknete, klebrige Fruchtmasse, 14 Gramm leicht, etwa von der dreifachen Größe eines Kaugummistreifens, aber im Gegensatz zum Kaugummistreifen aus zwei aneinandergeklebten Hälften bestehend, aus der Lunchbox fische. Mit dem Daumennagel fahre ich zwischen Vorder- und Rückhälfte und ziehe die dünnen Blättchen auseinander. Meine Finger halten 7 Gramm getrocknetes Erdbeer-Fruchtpüree gegen die schwächsten und schrägsten Sonnenstrahlen, die ich je gesehen habe.
    Ahmt die Innenseite, das Unterfutter meiner Haut, diese glühende Erdbeerfärbung nach, überlege ich, oder ist bereits zu wenig Licht in mir und nichts als Dunkel, ein violettes Dunkel?
    Ich breche meine Überlegungen ab, rolle die roten Hälften zusammen und stecke sie, eine nach der anderen, in den Mund. Den Rest meines Lunchs schiebe ich mit aufmunterndem Nicken in Richtung Kat.
    Die schräge Sonne, die frühen weißen Flocken, die Kälte im Bus und dieser Sog, dieses Ziehen an meinen Gliedern, das Gefühl einer nahenden Dunkelheit, haben mich alarmiert. Ich spüre, ich werde hier mit dem Nötigsten auskommen müssen. Es wird mir zu wenig sein, viel zu wenig. Es wird die Grenzen dessen, was ich mir ertragen zu können zutraue, verschieben, mich an die unmöglichsten Orte ziehen.
    Ich wiederhole mein Zunicken. Schließlich reagiert Kat. Sie greift und beißt zu, während meine Blicke besorgt zwischen Sonne und Schuluhr hin- und herwandern.

Kat.
    Kat wird keine wichtige Rolle spielen. Aber sie war die Erste, die mich ansprach. Alle Worte, die auf sie zutreffen, schmecken irgendwie süß, und ich habe beschlossen, mir diese süße Sünde zu genehmigen:
    Kat heißt eigentlich Kaisha, ist etwas jünger als ich und kommt aus Kamloops (Kamloops, Fruitloops, da geht’s schon los), einer Stadt in British Columbia. Sie ist klein, ihr Kopf reicht mir gerade bis an die Schultern, und solange ich sie kannte, wechselte die Haarfarbe dieses Kopfes von Rosa zu Rot, von Rot zu Orange, von Orange zu Blau und schließlich zu Wasserstoffblond. Ihre Fingernägel waren stets in der entsprechenden Komplementärfarbe zu ihrer jeweiligen Haar- oder Lidschattenfarbe lackiert. Auf ihren Lippen glänzte, glitzerte und roch es nach einer ganzen Palette von künstlichen Farb- und Geschmacksstoffen. Im Unterricht schrieb sie mir kleine Zettel, einige habe ich bis heute aufbewahrt. Sinnlose Sprüche und Wortfetzen wie »feet are pink, trees are purple«. Um die Schrift rankten sich Nadelbäume in verschiedenen Violetttönen und mehrere Paare pinkfarbener Füße.
    Kats Augen zierte ein

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