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Ex en Provence

Ex en Provence

Titel: Ex en Provence
Autoren: Elke Ahlswede
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unteren Teil des Zettels. An zwei Tagen soll ich abends unterrichten!
    Das war so nicht vorgesehen. Jules Vorschule, die französische Version des Kindergartens, dauert – das habe ich schon in Berlin herausgefunden – von halb neun bis halb fünf und damit ja schon ziemlich lange. Nicht zuletzt deshalb dürfte die Kombination von Kind und Karriere in Frankreich ja auch eigentlich kaum Probleme bereiten. Sehr praktisch. Aber mit meinem ganz offensichtlich notwendigen Schuldienst am Abend ziehen plötzlich sehr dunkle Wolken an Frankreichs Kinderbetreuungshimmel auf.
    Dabei will ich doch gerade hier beweisen, dass ich als richtig Alleinerziehende – also auch ohne den vor allem im Rampenlicht einsatzbereiten Ralph – überaus gut klarkomme. Aber Spätschichten sind in meinem Plan einfach nicht vorgesehen. In der ganzen Auswanderer-Euphorie habe ich wohl übersehen, dass dies bei einer Sprachenschule für Erwachsene vielleicht etwas anders sein könnte als bei meinem Gymnasium in Berlin.
    »Aber …«, stammele ich, während sich der Ober mit dem Salat für meine Chefin sowie meiner Gestalt gewordenen Kaloriensünde nähert und den Croque Monsieur direkt auf meinen Stundenplan knallt. Der Teller hinterlässt einen Fettfleck genau einen Millimeter neben »Gezeichnet: Augustine Guillotin«.
    Madame Guillotin rümpft angewidert die Nase und faucht: »Aber natürlich, Madame!« Es scheint, als hätte sie meinen Widerstand schon einkalkuliert. »Selbstverständlich werden Sie auch am Abend unterrichten.« Sie lässt ein Salatblatt zwischen ihren blutrot geschminkten Lippen verschwinden. »Was denken Sie denn? Das sind unsere beliebtesten Deutschkurse, von Berufstätigen immer gut besucht. Wir Franzosen arbeiten nämlich hart.«
    Ein weiteres Salatblatt erleidet dasselbe grausame Schicksal, dann lässt Madame Guillotin ihr Besteck klirrend auf den noch praktisch ganz gefüllten Teller fallen. »Bon, ich bin satt. Wünschen Sie ein Dessert? Vielleicht etwas Obst?«, fragt sie und blickt verächtlich auf meinen Schinken-Käse-Toast, den ich überhaupt noch nicht angerührt habe.
    »Aber …«, beginne ich noch einmal zaghaft, ahne jedoch schon, dass die Guillotin wohl kaum Erbarmen haben wird.
    »Was aber? Engagieren Sie eben eine ›nourrice‹, eine Tagesmutter! Wir Franzosen machen das immer so und sind damit sehr erfolgreich. Schon zu Zeiten Napoleons …«
    Napoleon? Ich muss an Jules Kuschelfrosch denken.
    »Was gibt es da zu lachen?«, zischt Madame Guillotin.
    Ups.
    Großer Stress führt ja oft zu Fehlreaktionen. Schnell rücke ich meine Mundwinkel gerade und sehe meine Chefin aufmerksam an. Feierlich erklärt sie jetzt: »Hier werden die Kinder von einer ›nourrice‹ betreut, wenn Maman arbeitet. Es wird sich also wohl auch für Sie eine Lösung finden!«
    Korrekt übersetzt bedeutet die Anweisung wohl so viel wie: » Kein aber, Dummchen. Andere bringen ihre Kinder notfalls auch 24 Stunden am Tag unter. Such dir gefälligst eine Kinderfrau.«
    Mental notiere ich mir schon auf meiner To-do-Liste »›nourrice‹ organisieren«, während ich einen verzweifelten und wohl letzten Anlauf wage: »Es ist nur so, dass ich eigentlich gedacht hatte, dass …«
    »Wenn Sie nicht möchten, bitte sehr! Ich habe reichlich Kandidaten für Ihre Stelle«, schneidet mir Madame Gnadenlos das Wort ab, lässt ihr leeres Wasserglas auf den Tisch sausen, klemmt ein paar Euro unter den Salz-und Pfefferständer und greift sich ihr Kostümjäckchen. »Wir gehen!«
    Mein Croque!
    Aber eigentlich ist inzwischen sogar mir der Appetit vergangen. Gehorsam folge also ich der Marquise de Sade aus dem kleinen Bistro über die Straße zur »École Polyglotte«. Inzwischen ist mein Auto im Halteverbot dermaßen von anderen Falschparkern eingekeilt, dass sich Madame Guillotin umständlich zwischen den Stoßstangen meines Kombis und eines benachbarten Cabrios durchwinden muss.
    Jetzt entdeckt sie auch noch mein Berliner Kennzeichen, wirft mir einen vernichtenden Blick zu und faucht: »Ist das Ihr Wagen?«
    Ich nicke schuldbewusst.
    »Sie haben falsch geparkt! Hier ist absolutes Halteverbot«, zischt sie. »Kennen Sie etwa die französischen Verkehrsschilder nicht?«
    »Es sind wohl in ganz Europa mehr oder weniger dieselben, aber es war etwas schwierig …«
    »Es kommt nur auf den Willen an! Und im Übrigen brauchen Sie dringend ein neues Kennzeichen. Sie sind immerhin in Frankreich! Ich muss jetzt wieder an die Arbeit. Wir sehen uns zum

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