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Ex en Provence

Ex en Provence

Titel: Ex en Provence
Autoren: Elke Ahlswede
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Holztreppe hinauf, die unter Monsieurs Bauch und wohl auch meinen immer noch zwei bis zwölf Extra-Kilo bedenklich zu Knarren beginnt. Das Croissant wäre entsprechend ihr sicheres Ende gewesen.
    Wir erreichen eine im Oliven-und Lavendeldesign tapezierte Tür, die die Gratwanderung zwischen Kitsch und Kult nur ganz knapp zu ihrem Vorteil entscheidet. Monsieur stößt sie mit einer bühnenreifen Geste auf und ruft: »Voilà Madame, Ihr Paradies!«
    Wie bitte? Meine Wohnung liegt tatsächlich über der Backstube? Direkt am Dorfplatz? Davon hatte der Makler nichts erwähnt.
    Bei meinem Versuch, den zufrieden strahlenden Monsieur Croizet nicht allzu entsetzt anzusehen, fällt mein Blick auf die Terrakottafliesen, die schon im Flur eine Extraportion südliches Flair ausstrahlen. Darüber sind die weiß getünchten Wände immer wieder von groben Steinen durchbrochen, die wohl zum ursprünglichen Mauerwerk gehören. Im Wohnzimmer entdecke ich einen Kamin aus denselben Felsbrocken, die auch hier dekorativ aus den Wänden ragen. Das Ambiente versöhnt mich gleich ein bisschen mit meinem neuen Domizil.
    In der Mitte des Raums steht ein kleiner Glastisch, um den zwei mit bordeauxrotem Samt bezogene Sessel und ein ebenfalls samtenes Sofa, pardon: Canapé, gruppiert sind.
    Mit Verve öffnet Monsieur Croizet jetzt eine Tür, die vom Wohnzimmer in den nächsten Raum führt: »Voilà, das Kinderzimmer«, sagt er und geht weiter zur nächsten Tür: »Voilà, das Schlafzimmer für Madame und, äh, wir werden sehen, voilà ein placard, und noch ein placard und noch ein placard.« Die Bemerkung über meinen noch zu definierenden Schlafzimmergenossen und Monsieurs süffisantes Lächeln ignoriere ich großzügig.
    Hinter den Placard-Türen verbergen sich Einbauschränke, auf die Monsieur offensichtlich sehr stolz ist. Doch während er mir noch ihre zum Glück auch in Französisch recht leicht zu verstehenden Vorzüge erklärt, fällt mein Blick auf den vom Wohnzimmer aus zu erreichenden Balkon. Ein kleines Bistrotischchen und zwei fliederfarbene Holzstühle stehen dort vor der schmiedeeisernen Brüstung, an der Blumenkästen mit tiefvioletten Herbstastern hängen.
    Leicht benommen von dieser Überdosis Idylle taste ich mich auf den Balkon vor. »Gehen Sie nur«, sagt Monsieur Croizet lächelnd. »Ich lasse Sie jetzt allein. Hier ist Ihr Schlüssel. Machen Sie es sich bequem.«
    »Merci«, murmele ich, während mein Blick schon über den Marktplatz schweift. Gegenüber der Bäckerei öffnet gerade der Laden mit dem Schriftzug »Tabac-Bar« – Kiosk und Kneipe in einem. Der Besitzer, ein Mann von etwa Mitte 50 mit einem enormen Oberlippenbart, lässt die metallene Jalousie vor der Ladentür mit einem lauten Rattern nach oben sausen.
    Unvermittelt blicke ich zu meinem Auto, doch Jule schläft offenbar immer noch. Nur Napoleon ist abgestürzt und liegt auf ihrem Schoß. Bettina hatte Jule den Kuschelfrosch vor unserer Abfahrt nach Frankreich geschenkt und ihn – wie es das ziemlich unterentwickelte Feingefühl meiner Schwester erwarten lässt – gleich selbst Napoleon getauft. Mir hatte sie ein Paar Converse in der zum Frosch passenden Farbe überreicht.
    Damit ich vielleicht doch mal ein bisschen schneller vorankomme, hatte Bettina – liebevoll bissig wie immer – zum Abschied gesagt. Und mich dann genötigt, diese Frosch-Turnschuhe auch gleich anzuziehen, als ich mich mit Jule auf den Weg machte. Wahrscheinlich hat Monsieur Croizet vorhin gar nicht mein Dekolleté angestarrt, sondern meine vielleicht nicht ganz altersgemäßen Leucht-Converse … Ich hatte sie im Zustand akuter Übermüdung schon fast vergessen.
    Auch Jule muss wirklich sehr müde sein. Schließlich war sie auf unserer Reise erst nach Stunden demonstrativen Schmollens eingeschlafen, obwohl ich doch darauf gesetzt hatte, dass sie die ganze Zeit schlummert. Doch daraus wurde zunächst nichts, und lange herrschte hinten auf dem Kindersitz bedrückende Sendepause. Stummer Protest.
    »Will nicht nach Krankreich«, hatte sie in den vergangenen Wochen regelmäßig verkündet. Nicht einmal für ein Jahr, wie ich es plane. Fast ein Glück, dass sie in Ralphs und Alinas Liebesnest auf Dauer nicht wirklich willkommen gewesen wäre. Sonst wäre sie wohl in Berlin geblieben. Aber so konnte ich sie mitnehmen, wenn auch gegen ihren erklärten Willen.
    Aber Jule wird es mir später sicher einmal danken. Schließlich kann sie hier ganz nebenbei – ohne teure Nachmittagskurse –

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