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Ex en Provence

Ex en Provence

Titel: Ex en Provence
Autoren: Elke Ahlswede
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ich durch meine, sagen wir mal »Trennungs-Diät« ein paar Pfunde losgeworden bin.
    »Kommen Sie?«, erkundigt sich Monsieur Croizet, der mein Zögern natürlich nicht einordnen kann. Dass ich es ihm nicht erkläre, liegt zum Teil an der nächsten linguistischen Herausforderung, die mich hier erwartet: Jedenfalls kann ich den Herrn Bäcker nun doch nicht so einfach ins Haus begleiten, wie er sich das gedacht hat.
    »Meine Tochter schläft«, versuche ich es auf Französisch, zum Glück auch recht souverän, und zeige dann auf mein alters schwaches Auto, das Jule und mich gerade die knapp tausend Kilometer von unserer Zwischenstation bei Bettina in die Provence geschaukelt hat.
    »Pas de problème, kein Problem«, antwortet Monsieur Croizet und ruft dann in die Backstube gewandt: »Bernadette, komm doch mal schnell! L’Allemande ist da.«
    In diesem Augenblick taucht eine rundliche Frau mit rosigen Wangen und sanften, braunen Augen auf. Bernadettes Lippen leuchten in einem aparten Orangerot, das perfekt mit der doch etwas eigenwilligen Farbe ihres dabei überaus eleganten Kurzhaarschnitts harmoniert. Eine Seniorinnen-Standard-Dauerwelle in Grau ist in Frankreich natürlich nicht zu erwarten. Dafür überrascht Madames Leibesumfang, der eher meinen Vorstellungen von Bäckerinnen als den perfekter Französinnen entspricht.
    »Ah, bonjour, meine Liebe!« Madame Croizet drückt mich an ihren riesigen Busen und schmatzt mir drei Küsse ins Gesicht: rechts-links-rechts. Oder war es links-rechts-links? Und wo blieb überhaupt der vierte, wie eben bei Monsieur? Mysteriös.
    »Bernadette, Madames Tochter schläft noch im Auto.« Der Bäcker deutet in Richtung des von jahrhundertealten Gemäuern und knorrigen Platanen umgebenen Dorfplatzes, auf dem selbst mein Klapper-Kombi aussieht wie gerade eben von einem glitzernden Podest der Internationalen Automobilausstellung gerollt.
    »Ma biche, wirf doch bitte einen Blick auf die Kleine«, fordert Monsieur Croizet seine Frau auf, die er mit »ma biche« nach französischer Sitte tatsächlich liebevoll »meine Hirschkuh« nennt. »Die Kleine ist nach der langen Fahrt sicher sehr müde. Wir wollen sie noch etwas schlafen lassen. Und du musst ja jetzt sowieso das Geschäft öffnen. Durchs Schaufenster kannst du ›la petite‹ im Auto doch sehen. Dann zeige ich Madame gleich ihr neues Heim.«
    »La biche« nickt: »Aber gern.«
    Moment.
    Das ist ja alles furchtbar nett und zuvorkommend. Aber ich kann doch Jule nicht einfach dort stehen lassen, auch wenn ich Madame vom Fleck weg als Ersatzgroßmutter adoptieren würde.
    Aber trotzdem: Ich werde klarmachen müssen, dass ich Jule hier nicht alleine lasse, während wir zu unserer Wohnung fahren, sondern dass wir stattdessen einfach mein Auto nehmen. Wenn ich die leere Chipsstüte, die Kaffeebecher, Jules O-Saft-Packungen und die auch farblich sehr ansprechende Kollektion leerer Mini-Ritter-Sport vom Beifahrersitz geschubst habe, wird er schon genug Platz finden. Oder ich fahre einfach hinter ihm her, oder ich könnte …
    Doch bevor ich meine Gedanken auch nur in halbwegs geordnetes Französisch sortieren kann, zieht mich Monsieur in die Backstube, vorbei an Blechen voll buttrig glänzender Croissants und goldbrauner Baguettes.
    Mmmh, eigentlich wäre es ja mittlerweile Zeit für ein kleines Frühstück …
    »Möchten Sie?«, erkundigt sich Monsieur und zeigt auf die Croissants.
    Ups, habe ich wirklich so gierig geguckt?
    »Nein, vielen Dank.«
    Das sind immerhin satte 282 Kalorien, die Sie da pro Croissant zusammengeknetet haben!
    »Dann vielleicht später«, murmelt Monsieur und lässt mich an einer Tür am anderen Ende des Raums stehen. Er deutet auf eine Holztreppe, die hinter mir nach oben führt. »Bitte warten Sie kurz, ich komme ›dans une petite minute‹.«
    Der Bäcker holt weitere Bleche aus dem Ofen, schiebt neue hinein. Dann macht er sich in aller Ruhe an Maschinen zu schaffen, die sanft brummend riesige Teigklumpen durchwalken. Mit »einer Minute«, schon gar nicht »einer kleinen«, wird es wohl nicht getan sein. So entspannt, wie der sich seiner Arbeit zuwendet, kann das eher eine kleine Ewigkeit dauern. Vorsichtig blicke ich die Treppe hinauf. Wohin im Namen des in Frankreich lebenden Gottes führt sie? Sollte etwa mein neues Heim …
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    1,

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