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Ex en Provence

Ex en Provence

Titel: Ex en Provence
Autoren: Elke Ahlswede
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gereifte Schönheit, sexy und trotzdem etwas unnahbar und damit auf Sicherheitsabstand zu allen doch nur Ärger bringenden Männern, beruflich erfolgreich und zugleich eine wunderbare Mutter!
    Doch aus der Perspektive meines mit Lebensentwürfen eher unerfahrenen Navis habe ich mein Ziel natürlich längst erreicht. Schließlich hatte ich in Bettinas Frankfurter 140-Quadratmeter-Designer-Dachterrassen-Eigentumswohnung die Adresse meines neuen Vermieters eingegeben, die mir der Makler gemailt hatte, als ich noch in Berlin war. Der Immobilien-Heini hatte dazugeschrieben, dass ich mir bei einem Monsieur Croizet schon frühmorgens den Schlüssel für »meine neue Wohnung« abholen könne.
    Früh ist es. Aber wo ist denn nun dieser Monsieur Croizet? Und überhaupt, wie das klang: der Schlüssel für meine neue Wohnung?
    Auch der Makler erkannte natürlich nicht die wahre Bedeutung dieses Stückchen Metalls, handelt es sich dabei doch um den Schlüssel für den Neuanfang meines Lebens! Die Blütezeit der Anja K. beginnt. Spät, aber dafür inmitten wogender Lavendelfelder unter der wohligen Sonne Südfrankreichs. Wunderbar! In der Mitte meines Lebens stehen mir alle Türen offen.
    Na ja, fast alle. Denn diese Ladentür, zu der mich mein Navi gelotst hat, lässt sich von meinem Rütteln leider überhaupt nicht beeindrucken. Ich stehe vor einer ziemlich geschlossenen Bäckerei, mitten in diesem winzigen Dorf irgendwo in Frankreich, ein bisschen »perdu« – verlassen, ziemlich allein, einsam sozusagen. Hm.
    »Bonjour Madame«, höre ich jetzt wieder und entdecke als Urheber endlich einen älteren Herrn, der aus einem kleinen Nebeneingang der Bäckerei herauslugt. Er wischt sich seine mehligen Pranken an einer nicht minder mehligen Schürze ab und stapft mir mit zur Begrüßung weit ausgebreiteten Armen entgegen.
    Es muss sich wohl um meinen Vermieter handeln, Monsieur Croizet, unübersehbar seines Zeichens Bäcker.
    Schwungvoll drückt er mir zwei Küsse auf jede Wange. Von wegen unnahbare, arrogante Franzosen! Vielleicht ist das in Paris so, erfreulicherweise hier aber offenbar nicht.
    »Aaah, voilà Madame! Willkommen in Frankreich, dem Paradies auf Erden!«, dröhnt er. »Sie werden hier leben wie Gott in Frankreich! Ho, ho, ho, was sage ich? Wie eine Göttin, natürlich, excusez-moi!«
    War da eben ein Blick auf mein eigentlich nicht wirklich tief ausgeschnittenes, da genau genommen zugeknöpftes Dekolleté, das in einem fünf Jahre alten, für die lange Fahrt extragemütlichen Strickpulli steckt?
    »Alors, Madame …«, holt der offensichtlich weder zu Takt noch zu mangelndem Patriotismus neigende Monsieur Croizet aus. Zum Glück nicht, um mich weiter zu taxieren oder die Marseillaise anzustimmen, sondern um mir den Weg an seinem gigantischen Bauch vorbei direkt in die Backstube zu weisen. »Kommen Sie doch gleich hier herein …«
    Ach, eigentlich sieht Monsieur ja doch ganz harmlos aus, irgendwie sogar recht sympathisch. Modell heiterer Großvater, aber eben in der Gallier-Ausführung mit lebenslanger Erfahrung als Frauenheld und deshalb schon aus reiner Gewohnheit noch immer selbst an dem unscheinbarsten Dekolleté interessiert.
    Mit dieser Erkenntnis übe ich mich mal in neuer, sehr französischer Großzügigkeit, verzeihe ihm die Blickverirrung und gebe einen üppigen Vertrauenskredit.
    »Merci«, antworte ich also – erleichtert, dass mir mein erstes französisches Wort in meiner neuen Heimat problemlos über die Lippen kommt. Mein Stammeln vorhin an der Raststätte war schon recht unwürdig, aber das war ja auch ganz knapp hinter der Grenze. Und das zählt nicht.
    Okay, zugegeben, es gibt durchaus noch einiges zu tun in Sachen Redekunst. Mein Französisch ist zwar schon ganz passabel, aber so ein »Merci« wie gerade eben schafft ja selbst ein sprachlich Tiefbegabter mit mittelmäßiger Kenntnis deutscher Schokoladenmarken. Auch was die französische Eleganz angeht, stehe ich natürlich noch ganz am Anfang.
    Schließlich passe ich bisher ungefähr auf folgende Beschreibung: mittelmäßig talentiert als Alleinerziehende meiner Tochter Jule wie als Lehrerin an einem Berliner Gymnasium und optisch ein Fall für die Fitness-, Ernährungs-, Frisur-und Modeberatung von »Elle« und »Vogue« zusammen – der deutschen Ausgabe beider Magazine versteht sich, denn in den französischen dürfte ja über Kleidergröße 34 gar nichts gehen.
    Ich trage übrigens Größe 42. Und selbst die passt mir auch erst wieder, seit

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