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EwigLeid

EwigLeid

Titel: EwigLeid
Autoren: Virna Depaul
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1. KAPITEL
    Special Agent Carrie Ward betrat McGill’s Bar. Sie hatte gerade wieder einen schwierigen Fall für die SIG abgeschlossen, die Special Investigation Group des Justizministeriums von Kalifornien, einer aus fünf Mitarbeitern bestehenden Entsprechung des FBI auf Bundesstaatsebene. Diesen Abschluss wollte sie mit der Beendigung ihres selbst auferlegten fast sechsjährigen Zölibats feierlich begehen. Wahrscheinlich würde sie keinen Höhepunkt erleben. Einen Höhepunkt hatte sie selten mit einem Mann. Doch Lust war im Grunde nicht das, was sie suchte. Sie wollte einfach nur Körperkontakt. Intimität. Ein paar Stunden lang so tun können, als gehörte sie dazu – zu dieser Welt, dieser Stadt, vielleicht sogar zu einem Mann, dem sie etwas bedeutete und der mehr in ihr sah als nur eine Frau, die Tag für Tag versuchte, sich in einem sogenannten Männerberuf durchzuschlagen.
    Knapp zwanzig Minuten später verließ Carrie McGill’s Bar ohne Begleitung. Die Einsamkeit war schmerzlicher als je zuvor. Und nicht etwa, weil sie keinen Mann zum Verführen gefunden hätte, sondern vielmehr, weil der eine Mann, den sie wirklich verführen wollte – nein, der eine Mann, mit dem sie wirklich Liebe machen wollte, sofern es so etwas überhaupt gab –, sich an eine andere Frau heranmachte.
    Ich hätte gar nicht erst herkommen sollen, sagte sie zu sich selbst. Es war Freitagabend, und sie hatte gewusst, dass Jase Tyler, ein Kollege bei der SIG, verabredet war. Aber sie hatte nicht wissen können, dass er sich mit dieser Frau in McGill’s Bar treffen würde, dem Lieblingslokal der Polizei von San Francisco. Obwohl sie ihn dort natürlich auch schon früher in Frauenbegleitung gesehen hatte, handelte es sich dabei in der Regel um Frauen, die er an Ort und Stelle aufgegabelt hatte. Zu einer Verabredung hätte er sich ihres Erachtens sicher eine elegantere Umgebung ausgesucht, die seinen Verführungskünsten zuträglicher sein würde.
    Da hatte sie sich getäuscht.
    Ihr Magen zog sich zusammen, als sie an ihre Unterhaltung mit Seth Roberts dachte, einem Cop vom SFPD, der Polizeibehörde von San Francisco. Sie lachte gerade über einen seiner Witze, als sein Freund ihm einen Rippenstoß versetzte und in bewunderndem Tonfall „Jase Tyler“ sagte. Erschrocken hatte sie sich nach ihm umgedreht. Und tatsächlich, sie erkannte Jase im eleganten Anzug auf Anhieb. Er hatte die Hand auf den schmalen nackten Rücken der Frau an seiner Seite gelegt. Seine Begleiterin trug ein schwarzes Cocktailkleid, das eher für die Oper als für McGill’s geeignet war, doch wer war Carrie, um das zu beurteilen? Sie hatte sich nicht einmal für ihre Männerjagd aufgebrezelt. Stattdessen hatte sie immer noch ihre Standard-Bürokleidung an, in der sie sich so feminin wie immer fühlte – nämlich überhaupt nicht.
    Während Carrie jetzt vor der Bar stand, betete sie, Seth möge nicht bemerkt haben, wie sehr der Anblick von Jase und seiner Begleiterin sie deprimierte. Allerdings deutete die Art, wie er sie angeschaut hatte – mit einer gewissen Weichheit in den Zügen und einer Spur Mitleid –, auf das Gegenteil hin. Sollte er es jedoch wagen, Jase gegenüber ein Wort darüber zu äußern, würde er es bereuen. Das Mindeste wäre, dass sie ihn zu einem Racquetball-Match herausforderte und ihn in Grund und Boden spielte, wie die letzten beiden Male. Sie schob die Hände in die Taschen ihrer Wolljacke und lief zu ihrem Wagen.
    „Du gehst schon so früh, Ward?“
    Sie verharrte in der Bewegung, sowie sie Jases Stimme hörte. Einen Sekundenbruchteil lang fragte sie sich, ob sie ihren Ohren trauen konnte. Ob sie ihn allein durch ihre Sehnsucht heraufbeschworen hatte. Die einzig wichtige Frage war allerdings die, ob er allein oder mit seiner Begleitung aufgetaucht war.
    Langsam wandte Carrie sich zu ihm um. Er stand ein paar Schritte entfernt von ihr, die Hände in den Taschen, die unvermeidliche Krawatte gelockert, ohne Jackett. Sein sandbraunes Haar war kunstvoll zerzaust, seine hochgewachsene, schlanke Gestalt kam in der maßgeschneiderten Kleidung äußerst vorteilhaft zur Geltung. Ihn als Metrosexuellen zu bezeichnen würde Jase wahrscheinlich auf die Palme bringen – und genau das war eine von Carries Lieblingsbeschäftigungen gewesen, bevor das erotische Knistern zwischen ihnen zu gefährlich geworden war –, doch nicht einmal Carrie würde so weit gehen, ihn in diese Schublade zu stecken. Er achtete mehr als die meisten Männer auf seine

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