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Ewiger Schlaf: Thriller

Ewiger Schlaf: Thriller

Titel: Ewiger Schlaf: Thriller
Autoren: Greg Iles
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niemals tot; sie ist nicht einmal vergangen. Jeder aus Mississippi verstand das. Vielleicht wurde jeder Mann in einem gewissen Maße von seiner ersten großen Liebe verfolgt. Für Marcel Proust war es ein Geruch gewesen, der wie eine Zeitmaschine wirkte und die Vergangenheit plötzlich in die Gegenwart katapultierte. Für Waters waren es ein Lächeln und ein Wort. Bald ...
    Er starrte auf den Grabstein und hatte das Gefühl, der Stein sähe irgendwie schwärzer aus, bis ihm klar wurde, dass die Dämmerung eingesetzt hatte. Er blickte über die Schulter auf die Kudzu-Pflanzen, von denen einige Bäume entlang der Friedhofsstraße stranguliert wurden. Ein halbrunder Mond stand bereits hoch am violetten Himmel; bald würde die Sonne unter den Rand des Steilhangs sinken. Die Pforten des Friedhofs wurden in der Regel um 19 Uhr geschlossen, aber das war keine feste Zeit. Wenn man sich in der Dämmerung noch innerhalb der Friedhofsmauern befand, sah man stets das rostige Auto der schwarzen Frau, die für das Schließen der Tore verantwortlich war; die Frau selbst saß geduldig auf dem Fahrersitz oder stand neben einem der gemauerten Torpfosten, bediente sich aus ihrem Schnupftabakbeutel und beobachtete die Autos und Laster, die gelegentlich auf der Friedhofsstraße vorüberrollten. Waters wusste, dass sie am »ersten« Tor auf ihn warten würde, wo einst das alte Charity Hospital gestanden hatte. Heute erinnerte nur noch eine große Betonplatte an das alte Krankenhaus, doch bevor es abgebrannt war, hatte das wuchtige Gebäude mit seinen rohrförmigen Feuerleitern den Friedhof überragt und Anlass zu geschmacklosen Scherzen über Ärzte gegeben, die die Leichen der Armen dort hinunterrutschen ließen wie Abfall in einem Müllschlucker.
    Waters seufzte und richtete den Blick wieder auf den Grabstein: Gestorben in New Orleans, Louisiana. Er hatte oft über Mallorys Tod nachgedacht und fragte sich, ob die Frau, die einst gesagt hatte, sie verzweifle am Leben, und die mehrmals versucht hatte, Selbstmord zu begehen, gegen den Tod angekämpft hatte. Sein Gefühl sagte ihm, dass es der Fall gewesen war. Die Polizei von New Orleans hatte Haut unter ihren Fingernägeln gefunden. Aber die Familie hatte kein Interesse gehabt, ihm weitere Einzelheiten mitzuteilen, und auch niemand anders aus Natchez erfuhr Näheres. Die Candlers gehörten zu den Familien, die von Äußerlichkeiten krankhaft besessen waren. Typisch für sie, dass sie der Meinung gewesen waren, die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Tochter könnte ein schlechtes Licht auf sie werfen, oder auf Mallory selbst – wie die Adligen des Mittelalters, die glaubten, körperliche Makel seien ein Zeichen für Sünde. Waters merkte, dass er mit den Zähnen knirschte. Auch jetzt hatte der Gedanke an Mallorys Eltern noch diese Wirkung auf ihn.
    Nun fiel sein Blick zum ersten Mal auf den kleineren Grabstein rechts von dem Mallorys. Er war knapp halb so hoch und schien aus einem billigen Steingemisch zu bestehen; daher war Waters überrascht, den Namen Benjamin Gray Candler darauf zu lesen. Ben Candler war Mallorys Vater. Noch überraschender war, dass der Stein offenbar mit einem schweren Werkzeug, einer Brechstange vielleicht, verunstaltet worden war. Waters ging auf das Grab zu, um es genauer anzuschauen, blieb jedoch stehen, bevor er es erreicht hatte. Der Geruch von Urin schien die Luft um den Grabstein zu durchdringen, als ob dort ein Hund routinemäßig jeden Tag sein Territorium markierte. Es gibt also doch Gerechtigkeit, dachte er. Mallorys Vater hatte einen besonderen Platz der Verachtung in Waters’ Seele, doch jetzt, als er den Stein anblickte, sah Waters nur einen selbstgefälligen Mann vor sich, der mehr als nur eine kleine Schwäche für seine Tochter hatte, der sie penetrant mit seiner allgegenwärtigen Kamera verfolgte und jedes gesellschaftliche Ereignis, egal wie unbedeutend, für die Nachwelt festhielt.
    Auf der Straße hörte Waters einen Lieferwagen mit Industrieholz quietschend zum Stehen kommen. Er sah auf die Uhr: Viertel nach sechs. Er war schon zu lange geblieben; seine Frau und seine Tochter warteten zu Hause auf ihn. Auf der anderen Seite der Stadt füllte Cole Smith zwei wichtige Investoren mit Bourbon und Scotch ab, bevor er sie hinunter zur Quelle bringen würde, um Zeugen eines Augenblicks zu werden, der, wie Cole und Waters hofften, ihnen allen einen Haufen Geld einbrachte. Und fünfzig Kilometer weiter südlich, auf einer Sandbank im Mississippi,

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