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Ewiger Schlaf: Thriller

Ewiger Schlaf: Thriller

Titel: Ewiger Schlaf: Thriller
Autoren: Greg Iles
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County gekauft hatte. Linton Hill war kein Palast wie Dunleith oder Melrose, aber es hatte fast 400 Quadratmeter Wohnfläche, einstige Sklavenunterkünfte, die getrennt vom Haupthaus standen und die Waters als Zweitbüro benutzte, sowie viele kleine, architektonisch bedeutsame Details. Seit sie eingezogen waren, hatte Lily einen Feldzug geführt, um das Haus in die Liste denkmalgeschützter Gebäude aufnehmen zu lassen, und der Sieg schien kurz bevorzustehen. Waters, der in einem Schindelhaus knapp einen Kilometer von Linton Hill entfernt aufgewachsen war, betrachtete sein Zuhause normalerweise voller Stolz. Doch als er heute in den Innenspiegel blickte, nahm er das Haus kaum wahr. Sobald Lily mit Annelise die Treppe hinaufstieg, eilten seine Gedanken dorthin, wohin es sie seit zehn Minuten zog.
    »Alles nur Einbildung«, murmelte Waters.
    Doch der alte Schmerz war wieder erwacht. Er schlummerte seit zwei Jahrzehnten, überlebte aber hartnäckig, wie ein Tumor, der weder Metastasen bildet noch sich auflöst. Waters trat aufs Gaspedal des Land Cruiser und fuhr in Richtung Innenstadt – nach Norden, wo die Eichen über ihm aufragten wie die Wände eines Tunnels. Die meisten Gebäude waren viktorianische Lebkuchenhäuser, doch es gab auch schlichte Schindeldach-Gebäude, sogar regelrechte Schuppen. Dieser Teil von Natchez ähnelte sehr New Orleans: Villen im Wert von einer halben Million Dollar standen nur einen Steinwurf weit entfernt von baufälligen Reihenhäusern, die nicht einmal dreißigtausend einbringen würden.
    Waters bog nach rechts in die Linton Avenue ab, eine schattige, von wohlhabenden Weißen mittleren Alters bewohnte Straße, die in der Nähe des Kleinen Theaters endete. Von hier stieg die Maple Street bis zu dem Steilhang an, der über dem Mississippi aufragte. Dort würde er das Einbahnstraßen-Labyrinth verlassen und in das letzte natürliche Licht dieses Tages eintauchen. Wie biblischer Regen fällt das Sonnenlicht auf Gerechte und Ungerechte gleichermaßen, und in dieser trügerisch schläfrigen Stadt am Fluss fielen die letzten Strahlen stets auf die Touristen, die auf dem Steilhang standen, auf die Trinker, die im Under-the-Hill Saloon an ihrem Whisky nippten, und auf die Toten.
    Im Jahre 1822 war der alte Stadtfriedhof aus dem Schatten der St. Mary’s Cathedral auf den hohen Steilhang nördlich der Stadt verlegt worden, ein halber Quadratkilometer hügeliges Gelände. Im Laufe des nächsten Jahrhunderts entwickelte er sich zu einem der schönsten und einzigartigsten Friedhöfe der Südstaaten. Durch die Tore dieses Friedhofs lenkte John Waters nun seinen Land Cruiser und verlangsamte die Fahrt auf Schritttempo. Einige der Grabsteine, an denen er vorbeifuhr, sahen neu aus, andere schienen bereits ein, zwei Jahrhunderte zuvor gemeißelt worden zu sein; wahrscheinlich war es tatsächlich so. Überreste des alten Friedhofs waren ausgegraben und nach hier verbracht worden, sodass Grabsteine aus dem 18. Jahrhundert keine Seltenheit waren. Waters parkte den Land Cruiser auf dem Hügelkamm von Jewish Hill, stieg aus und blickte hinunter auf sechs atemberaubende Flusskilometer.
    Schon lange hatten die Toten in Natchez einen schöneren Blick als die Lebenden. Die Aussicht von Jewish Hill berührte jedes Mal irgendetwas tief in Waters’ Innerem. Der Fluss ließ keinen unberührt, der in seiner Nähe lebte; Waters hatte schon ungebildete Bohrarbeiter mit unbeholfener Beredtheit von der mystischen Anziehungskraft des Mississippi sprechen hören. Dennoch betrachtete er den schlammigen Fluss anders als die meisten Menschen. Der Mississippi war ein uralter Strom, doch er hatte sein bisheriges Leben nicht damit verbracht, sich in den Kontinent zu graben wie der Colorado. Der Mississippi hatte das Land, das ihn nun einzuengen versuchte, selbst geschaffen. Vor 250 Millionen Jahren war dieser Teil Amerikas – von der Golfküste bis nach St. Louis – ein Meer gewesen, das man Mississippi Embayment nannte. Doch irgendwo nördlich von Memphis hinterließ der namenlose Proto-Mississippi zu dieser Zeit bereits Millionen Tonnen Ablagerungen in diesem vorzeitlichen Meer und schuf so ein riesiges Delta. Dieser Prozess setzte sich so lange fort, bis das Meer gefüllt war und 12.000 Meter Sedimente die Felssohle bedeckten. Es waren die oberen Schichten dieser Ablagerungen, von denen Waters seine Familie ernährte: das ölhaltige Stratum, das nur ein paar tausend Fuß unter der Erdoberfläche zu finden war. Heute Abend

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