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Eva Indra

Eva Indra

Titel: Eva Indra
Autoren: Bis aufs Blut
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Eva Indra Bis aufs Blut
    Sommer 2001
    Kapitel 1
    Mit einem Schlag hatte sich Annas Leben drastisch verändert. Dieser besagte Schlag hatte Leonard das Leben gekostet. Man würde herausfinden, dass sie ihn umgebracht hatte, sie, seine Freundin. Aber noch wusste niemand davon. Auf und davon ist sie gerannt, ohne vorher etwaige Spuren zu verwischen, um dadurch den ohnehin so eindeutigen Verdacht der Tat von sich zu lenken. Sie befand sich nun in einer erbärmlichen Verfassung auf dem Bahnhof von Lecce. Dazu kam, dass es erdrückend schwül war und sie keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Deshalb war ihr auch nicht bewusst, dass sie auf der Flucht vor etwas war, vor dem man sowieso nicht fliehen konnte: Dem eigenen Gewissen. Sie hatte lediglich den unüberwindbaren Drang, so schnell wie möglich diese Ortschaft zu verlassen. Lecce, Hauptstadt der Region Salento in Apulien, war ein viel zu atemberaubender Ort, um ihn zum Tatort eines Verbrechens zu machen. Doch Totschlag war wohl nirgendwo willkommen.
    Die Dämmerung war ins Land gezogen und schwarze Gewitterwolken ballten sich bedrohlich über dem eben noch klaren Himmel. Die Luft roch nach dem ankommenden Regen, gewürzt mit dem starken Parfum der Oleandersträucher. Die Wolken füllten sich lautlos mit Wasser, wie ihre Augenwickel mit ihren Tränen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie losbrachen. Die Mücken erwachten aus ihrem Schlaf und abgesehen von dem Flügelschlag dieser Insekten war es eigenartig still; totenstill. So lautlos und unheimlich wie bei Leonard, nachdem er leblos zu Boden gestürzt war und sich nicht mehr rührte. Keine einzige Kirchenglocke war zu hören, trotz all der Kirchen in dieser katholischen Stadt. Beklemmend ruhig und unheimlich leer gefegt schienen auch die sonst so lebhaften Gassen auf dem Weg zum Bahnhof, ja wie in Trauer schien diese Stadt mit einem Mal. Selbst der Bahnhof hatte etwas Beängstigendes an sich, doch instinktiv hatte es sie hierher getrieben und irgendwie war sie erleichtert, wieder unter Menschen zu sein.
    Lecce hatte weder einen Flughafen, noch lag es direkt am Meer und so schien nun der Zug die augenscheinlichste Lösung für ihre unerwartete Abreise. Die weitaus angenehmere Alternative wäre natürlich Leonards Aston Martin gewesen, der exquisit vor der Villa parkte, aber sie hatte nie gelernt ein Auto zu lenken und hatte sich bisher auch nie viel daraus gemacht. Diesmal jedoch wäre es im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendig gewesen. Über zwanzig Minuten hatte sie bis zum Bahnhof gebraucht, die zwei Reisetaschen, die sie mitgenommen hatte, beschleunigten ihren Weg natürlich auch nicht. Sie hatte es nie geschafft, leicht zu reisen und das, obwohl sie eigentlich nicht viel besaß. Genaugenommen alles, was sie je besessen hatte, hatte ihr Leonard einst geschenkt. Der Inhalt der zwei Taschen war ihr davon geblieben und natürlich das Buch. Es war wertvoll, das wusste sie. Leonard hatte nie eine Möglichkeit ausgelassen, dies unerwähnt zu lassen. Für Anna war es nichts weiter als ein Buch. Viel lieber hätte sie Zugang zu ihrem Haus in London gehabt, denn alle Dinge, die sie mochte, waren dort. Doch sie konnte unmöglich nach Hause fahren. Es war reinster Leichtsinn, auch nur für einen Moment anzunehmen, dass sie nicht der Polizei direkt in die Arme laufen würde. In dem Augenblick, in dem die italienische Polizia Leonards Leiche finden würde, würden alle Spuren zu ihr führen. Was sollte sie tun? Sie war keine Kriminelle und hatte daher keinen ausgeklügelten Plan. Sollte sie zurück in die Villa gehen? Aber was sollte sie dort machen? Sie war auf einen derart einschneidenden Abschnitt ihres Lebens einfach nicht vorbereitet. Ihr Leben hatte plötzlich diese unfassbare Wendung genommen, von der es kein Entrinnen mehr gab. Das Ganze hatte eine Eigendynamik entwickelt, die ihr keine Zeit zum Denken ließ. Grundsätzlich hatten schon viele unerwartete Ereignisse ihren Lebensweg gekreuzt,
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Eva Indra Bis aufs Blut
    vor allem wenn man in Betracht zog, dass sie erst vierundzwanzig Jahre alt war. Doch dieses Problem schien beunruhigend aussichtslos zu sein. Alter und Erfahrung waren nicht im Geringsten gefragt. Deshalb musste sie so schnell wie möglich aus Lecce fort, das schien noch am meisten Sinn zu machen. Sie würde den nächsten Zug nehmen, der in die Station einfuhr. Egal wohin - nur weg!
    Der Zeiger der Bahnhofsuhr schleppte sich gleichmütig von Sekunde zu Sekunde. Ihn ließ ihre

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