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Es ist ja so einfach

Es ist ja so einfach

Titel: Es ist ja so einfach
Autoren: Mary Scott
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1
     
    Wie ich das gräßliche Nebelhorn haßte! Immer weckte es mich und war der einzige Nachteil meiner himmlischen Wohnung. Ich liebte den Blick aufs Meer — und bezahlte dafür tüchtig — doch dieses Horn riß mich zu unirdischen Stunden aus dem Schlaf und machte mich stets schwermütig, obwohl es weit entfernt war.
    An diesem Augustmorgen jedoch klang es sonderbar nah und laut. Ich schaute stöhnend auf meine Uhr. Knapp sieben. Die Gardine beiseite schiebend, spähte ich durchs Fenster. Kein Zeichen von Nebel auf der grauen stillen Wasserfläche. Warum also dieses brüllende Horn?
    Im selben Moment ging es wieder los und klang so laut, als befände es sich an meiner eigenen Haustür. Laut, tief und melancholisch dröhnte es. Ich sprang aus dem Bett. Das war ja gar nicht das Nebelhorn! Dicht vor dem Hause mußte etwas Furchtbares im Gange sein.
    Ich zog nicht erst den Morgenrock an, sondern lief durch den kleinen Flur und öffnete die Haustür. Entsetzt prallte ich zurück, denn ich blickte geradenwegs in die Augen eines riesigen Hundes, die fast in gleicher Höhe mit meinen zu sein schienen. Doch das kam, weil es eine Dänische Dogge war, die sich, nicht zufrieden mit diesem sehr ausgiebigen Blick von ihrem Niveau aus, auf die Hinterbeine gestellt und die Pfoten auf das Geländer des Vorbaus gelegt hatte. Wie ich schon sagte, war die Aussicht schön und teuer, schien aber dem Hund nicht zu gefallen. Vermutlich hatte er deshalb so geheult.
    »Herrjeh!« murmelte ich, nicht der Situation gemäß, und stand wie gebannt da.
    Ehe ich mich zusammennehmen konnte, gab es einen lauten Knall, und knapp drei Meter entfernt, nur durch eine winzige Rasenfläche von mir getrennt, sprang der widerliche dicke kleine Hinton wie ein Gummispielzeug aus seiner Tür.
    »Was ist’n los?« begann er wütend, dann blieb er mit offenem Mund und glotzenden Augen stehen. Ach so, mein Pyjama! Ich konnte mir denken, was er nachher zu seiner Frau darüber sagen würde, aber im Augenblick hatte er seine Freude daran. Um die Sache noch schlimmer zu machen, gab ein alberner Jüngling, der auf dem Rade vorbeifuhr, einen lauten Pfiff anzüglicher Bewunderung von sich. Hinter Mr. Hinton erschien dessen Gattin. Mir war’s egal, ich hatte nur Augen für den Hund. Der füllte ja auch den ganzen Vordergrund der Szene.
    Also, eine Hundefreundin bin ich nicht gerade. Ich hatte noch wenig mit dieser Tierart zu tun gehabt, und das Theater, das etliche meiner Bekannten um ihre Pudel und Corgis machten, war geradezu ekelhaft. Ich wurde vor diesem klobigen Untier ziemlich nervös und streckte ängstlich eine Hand aus. »Braver Hund«, murmelte ich optimistisch.
    Das war ein Fehler, denn sogleich sprang die Kreatur freudig gegen mich und stieß mich zurück, so daß ich mit dem Kopf hart an den Türpfosten fiel. Leider wählte Mrs. Hinton — sehr manierlich in einen rosa Morgenrock gehüllt — diesen Moment, um schrill zu schreien: »Miss Napier! Miss Napier, ist das Ihr Hund? Den dürfen Sie hier nicht halten! Haustiere sind hier verboten! Außerdem hat er mich mit seinem Gebell geweckt.«
    Ich erwiderte, meinen Hinterkopf sanft betastend, mit Nachdruck: »Seien Sie nicht so albern. Natürlich gehört der Hund nicht mir. So eine verrückte Idee! Muß ein entlaufener sein.«
    »Ein entlaufener? Du meine Güte — denken Sie an die vielen Blasenwurmkranken! Wie die Fliegen sind die Leute daran gestorben. Rufen Sie sofort den Tierschutzverein an.«
    Das sagte Miss Cole von gegenüber, die einen wattierten Hausmantel aus Seide anhatte. Da ich sehr viel auf Kleidung gebe, dachte ich sogar in diesem ärgerlichen Augenblick: Wo mag sie den bloß entdeckt haben? Der ist doch bestimmt schon seit 1900 aus der Mode.
    Über mir auf dem Balkon vernahm ich unruhiges Scharren von Füßen. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Das Haus hatte vier Etagen mit acht Wohnungen, und ich sah im Geist an jedem Fenster vorgeschobene Köpfe, wie Tauben an ihrem Verschlag. Gerade eben richtete sich der Hund wieder an der Tür auf und beleckte zärtlich mein Ohr. Bei dieser Bewegung zeigte sich, daß an seinem Halsband ein Brief hing. Das Kuvert war groß und protzig, die Schrift ebenfalls. Die Hand kannte ich. Nur Luigi fand Geschmack an den vielen Schnörkeln.
    Das war ja furchtbar. Ich kannte ihn nur zu gut und wußte, daß bei seinem überschäumenden, südländischen Temperament alles möglich war. Vor einigen Tagen hatte er noch mit seiner bestrickenden Stimme geraunt:

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