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Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen. Roman

Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen. Roman

Titel: Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen. Roman
Autoren: Frank Spilker
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    Der Raum riecht unangenehm. Es fällt vor allem dann auf, wenn man gerade hereingekommen ist. Nach einer Weile hat man sich an den Geruch gewöhnt und nimmt ihn nicht mehr richtig wahr. Trotzdem kann man wohl sagen, dass es hier stinkt.
    Das war auch schon bei unserem ersten Besichtigungstermin mit Schröter so. Er stand da in seinem blauen Overall, ein Bild von einem Hausmeister, und hat das Problem klein geredet: »Da muss mal jemand was verschüttet haben, das ist aber keine große Sache, Sie müssen das nur mal gründlich reinigen, dann ist das weg.« Haben wir gemacht. Nach einem Monat haben wir einen neuen Teppich verlegt. Und als der Gestank nach zwei Monaten immer noch nicht verflogen war, haben wir den Belag unter dem Teppich vollständig entfernt und den Betonboden mit einer Zahnbürste gereinigt. Doch der Geruch kehrte zurück, wie der Fleck von dem Gespenst von Canterbury.
    Wenn die Fenster im Sommer geöffnet sind, klappern die billigen Aluminium-Jalousien, weil die an dem Gebäude vorbeirauschenden Lastwagen die Luft draußen immer in Bewegung halten. Jetzt im November schaukeln die Plastiklamellen nur noch träge in der aufsteigenden Warmluft der Heizung, die uns langsam, aber sicher die Haut austrocknet.
    In unseren Räumen, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem von Schröter betriebenen Swinger Club befinden, wird Kreativarbeit geleistet. Überall liegen halb ausgepackte Kartons herum, Denkmäler begonnener, nicht zu Ende geführter Projekte,
work in progress
. Arbeiten, die von einer anderen neuen Idee, einem hereinkommenden Kurier oder einem Telefonklingeln unterbrochen wurden und teilweise nie wieder aufgenommen worden sind. An ein paar »Awards« genannten Auszeichnungen, die irgendwo in der Ecke herumstehen und in ihrer Verstaubtheit leicht mit Lebensmittelresten verwechselt werden könnten, kann man es auch erkennen.
    Zwei Meter von mir entfernt, an einem der Tische, die in dem schlauchförmigen Raum hintereinander an der großen Fensterfront entlang aufgestellt sind, sitzt Caren. Wie fast immer sieht man von ihr nicht mehr als die Haare, unter denen sie den ganzen Tag in höchster Konzentration verbringt. Während sich die meisten anderen hier den Großteil ihrer Zeit unterhalten, redet sie so gut wie gar nicht. Irgendwann gegen Abend zieht sie dann immer ein paar fertige Illustrationen unter ihren Haaren hervor. Es ist beinahe so, als würde sie ihr ganzes Leben in einer Art Trance unter der Frisur verbringen. Sie geht nicht aus, nicht mit uns essen und scheint an menschlicher Gesellschaft generell nicht interessiert zu sein. Niemand hat davon gehört, dass sie irgendwelchen Freizeitaktivitäten nachgeht. Ihre ganze Erscheinung ist von der Aura eines unergründlichen Geheimnisses umgeben.
    Es macht ein Geräusch, als ob jemand in einiger Entfernung eine winzig kleine Papiertüte zerknüllt. Wieder fällt ein Blatt. Unten am Fuß des vernachlässigten Ficus benjamina hat sich schon ein ziemlich großer Haufen gebildet. Altes Laub, das vom Vergehen der Zeit erzählt.
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    Eine Treppe windet sich in Spiralen um den mächtigen Stamm der Pflanze. Oben führt eine Hängebrücke in den Dachgarten des Ficus. Eine Hollywoodschaukel steht hier auf einem provisorisch eingezogenen Boden aus Bast. Direkt daneben schwingt eine Hängematte im Wind. Alles sieht recht wacklig aus. Ich entscheide mich für die Hollywoodschaukel. Insekten schwirren in der heißen Mittagsluft. Es riecht nach Wildblumen. Ich blicke auf eine sonnendurchflutete Waldlichtung, an deren Rand einige weiß angestrichene Gebäude mit Arkaden und Säulen stehen. Aber schon wölbt sich die Erde unter mir und hebt mich in meiner Schaukel hoch über die Baumwipfel, sodass sich auf einmal das ganze bewaldete Tal vor mir ausbreitet.
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    Ich habe es mir abgewöhnt, sinnlos im Internet herumzuklicken, wenn ich mich geistig verabschieden will. Seit einiger Zeit benutze ich dafür einen Kuli, den ich an mein Ohr halte, um das Geräusch ganz nah bei mir zu haben. So wie den Zipfel der Bettdecke, das Stofftier oder das Halstuch, das nach Mutti riecht, irgendetwas Vertrautes, das beruhigend wirkt.
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    Die billigen Büromöbel, die seit Jahren dringend fällige, aber nie ausgeführte Renovierung und der allgemeine Zustand des Büros weisen auf eine schlechte Auftragslage hin, beziehungsweise darauf, dass wir viel zu oft für Auftraggeber arbeiten, die kein Geld haben. Ganz am Anfang war das sogar gut so. Wir

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