Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Erknntnisse eines etablierten Herrn

Erknntnisse eines etablierten Herrn

Titel: Erknntnisse eines etablierten Herrn
Autoren: Oliver Hassencamp
Ads
Anreise
    Wer davon leben will, daß er Männchen malt, muß Männchen malen, die auffallen. Damit die Männchen auffallen, muß er seine Umwelt, die anderen, anders sehen als die andern: deutlicher, unbarmherziger, liebevoller.
    Lukas malte Männchen, genauer: er zeichnete. Die meisten stahlen ihm Zeit, eines jedoch wurde bekannt. Es sah freundlich, aber bekümmert aus, hilfsbedürftig, dabei eigensinnig und auf eine heitere Weise verknittert. Einen Namen hatte es nicht, hieß nur das Dornberg-Männchen nach seinem Erfinder. Dieses Dornberg-Männchen war bei einer Firma beschäftigt, die Markenartikel herstellte. Dort arbeitete es in der Werbeabteilung als Fotomodell für lustige Bildgeschichten aus dem Alltag. Es hatte nichts gelernt und auch sonst viele Schwächen. Schwächen wären sozusagen seine Stärke. Jeder Betrachter, der das Männchen in der Presse oder im Werbefernsehen sah, fühlte sich überlegen und zu Milde gestimmt, sah in dem Männchen, in seiner Unbeholfenheit, seinem ständigen Mißgeschick die andern und nichts als die andern. Und jedesmal, wenn er die andern sah, wurde er unbewußt an den Markenartikel erinnert. Dafür bekam das Männchen Geld, sehr viel Geld für ein Männchen, so viel, daß es auch für Lukas reichte und ihm manche Vergünstigung einbrachte, wie jetzt die Reise zu dem Werbekongreß. Mit dem Flugzeug.
    Nun fliegt Lukas nicht gern. Nicht weil er Angst hätte, er ist nur leidenschaftlich seßhaft aus Liebe zur gewohnten Umgebung, das heißt, aus Bequemlichkeit.
    Gestern um diese Zeit saß er noch in seinem schiefen, gemütlichen Tudorhäuschen in Suffolk, lustlos beim Kofferpacken, und abends nachdenklich im Swan , dem Pub über die Straße, beim Tolly Ale, Morgen um die Zeit sitze ich im Hotel!
    Es gibt gelernte Verreiser. Lukas ist keiner. Er muß weg müssen, sonst bleibt er, wo er ist. Das hindert ihn allerdings nicht, unterwegs aufzublühen. Unter der Mühelosigkeit, mit der man heutzutage überall hinkommen kann, zum Beispiel. Als wäre das sein Verdienst. Hat er sich erst einmal aufgerafft, macht ihm sein Reise-Ich auch schon Vorwürfe: Warum bist du nicht längst rübergeflogen? Ein Katzensprung. Beweglicher leben! Hast so gute Freunde hier. Vorhin, bei der Landekurve, sah alles noch vertraut aus, die bekannten
    Wahrzeichen und drumherum das ganze kartographische Hors d’oeuvre von Wohnblocks, Verkehrsanlagen, Siedlungen, Kirchen und Betrieben, das ebenso jede andere Stadt repräsentieren könnte. Audi der Flugplatz erinnerte ihn an früher, trotz der neuen Hallen, neuen Busse. »Sie kommen aus London, Herr Dornberg?« fragte der grüne Zerberus nach einem Blick in den Paß, als sei das für die Sicherheit des Landes von Bedeutung. Der erste Satz im altgewohnten Dialekt und die Anrede mit dem Namen — das schafft Vertrauen. Werden Uniformträger mit solchen Tricks für die Öffentlichkeitsarbeit geschult?
    Lukas reihte sich in den Gänsemarsch der Passagiere zur Gepäckhalle ein, männliche Passagiere in der Überzahl, Spesenflieger, solo, Hosenträgerträger, Raucher, in bügelfreien Hemden, mit schwarzen Bordtaschen und einheitlichen Erfolgsgesichtern. Den einen oder anderen würde er morgen Wiedersehen, mit Namensschild am Revers, morgen auf dem Kongreß.
    Die beiden Plastiklappen über dem Transportband bogen sich endlich für den grünen Koffer auf, der feierlich durch das Spalier der Wartenden seinem Besitzer entgegenglitt. Lukas hievte ihn auf das Selbstbedienungswägelchen, das er hinter einem Pfeiler entdeckt hatte, und schob ihn vor sich her, langsam, wie ein Vater seinen Mannesbeweis am Sonntag.
    »Haben Sie etwas anzumelden?« fragte der Zerberus an der Schwingtür zum Inland. Lukas verneinte, weich winkte eine weiße Speckhand aus grünem Uniformärmel, der Koffer interessierte den Wahlberechtigten nicht mehr. Noch eine Tür, die sich automatisch öffnete, und Lukas Dornberg schnupperte die alte Heimatluft:
    Hier stinken die Autos genauso wie in London!
    Das Rollwägelchen bekommt einen Schubs, die Wagentür fällt ins Schloß, tapfer versucht sich der Fahrgast zurechtzufinden. Damals lag der Flugplatz weit draußen zwischen Feldern. Wo das Korn stand, ragen jetzt, wie riesige Ähren an grauen Halmen, die Peitschenlampen der Straßenbeleuchtung aus dem Neusiedlungsgebiet, im Hintergrund acht bis zwölf Stockwerke hoch die Häuser, nach vorn, zum Rollfeld, niedriger, geduckter werdend, als zögen sie gleich ihren bedauernswerten Bewohnern die Köpfe ein vor

Weitere Kostenlose Bücher

Totenkuss: Thriller
Totenkuss: Thriller von Uta-Maria Heim
Tod eines Tenors
Tod eines Tenors von Rhys Bowen
2 Heaven
2 Heaven von Simon Rhys Beck