Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Equinox

Equinox

Titel: Equinox
Autoren: Jörg Juretzka
Ads
 
     
    Jörg Juretzka
     
    Equinox
     
     
    Sämtliche Figuren dieses Romans sind frei erfunden.
     
    Für Cora und Verena und für Pädda und Christian
     
    Speziellen Dank an AC/DC für >Live Wire<.
     
     
    EINS
     
    »Also, Doktor, was würden Sie sagen?« Ohne eine Miene zu verziehen, drehte Kapitän Zouteboom den an den Haaren gehaltenen Kopf des Ersten Stewards ein wenig hin und her und schluckte verstohlen, versunken in den mehr als gewöhnungsbedürftigen Anblick. Trotz der straffenden Wirkung des Zugs an der Frisur hingen Kinn und Lider schlaff herunter, die Haut war den Umständen entsprechend fahl, und Sehnen, Muskeln, Adern, Nerven, Teile von Rückgrat, Speise- und Luftröhre baumelten heraus, wo der Kopf bis vor kurzem mit dem Rest des Stewardkörpers verbunden gewesen war.
    »Eindeutig Selbstmord«, konstatierte Bordarzt Köthensieker, beide Daumen in den Gürtel der weißen Hose gehakt, wippte auf Gummisohlen bequem vor und zurück und sog an seiner ausgegangenen Pfeife. Eindeutig was?
    Ich äußerte etwas wie »Wa-Wa-Wa-?«, durchwirkt mit mehr als nur einem Hauch von Zweifel an dieser Diagnose. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie von einem Suizid durch Kopfabhacken gehört. Von keinem erfolgreichen zumindest. Sicher, mit einer Guillotine ginge es, theoretisch, doch davon war hier, am Fundort, zu Füßen des labyrinthischen Gewirrs aus Röhren, Leitungen und stählernen Treppen, das das Innere des Kreuzfahrtriesen zugänglich machte, weit und breit nichts zu sehen. Dafür eine Menge Blut. In allen Tönen, von verschmiertem Rosa bis hin zu diesem Beinahe-Schwarz, wo es sich zu dickeren Pfützen sammelte und zu stocken begann. Das meiste sicherlich auf dem Boden, rings um den kopflosen Leichnam, doch auch an die hellgelb lackierten Wände war einiges gespritzt und über die polierte Edelstahl-Konstruktion des Treppenaufgangs, von wo es wieder auf den in Dunkelgrau gehaltenen Boden troff. Selbstmord. Das konnte der Doktor nicht ernst meinen.
    Ein kurzes Schweigen entstand, akzentuiert vom durchdringenden Wummern der beiden riesigen Diesel nur ein oder zwei Schotts entfernt und vom rhythmischen, konvulsivischen Gurgeln, mit dem sich der Erste Borddetektiv der Equinox in eine etwas weiter entfernte Ecke erbrach.
    »Wa-Wa-Wa-?«, wiederholte ich, meines Zeichens Zweiter Detektiv und bemüht, wenn auch ohne rechten Erfolg, mich zusammenzureißen und meiner Skepsis Ausdruck zu verschaffen. Da packte mich Antonov am Arm. Antonov, auch genannt »Das Rote Quadrat«. Ein Spitzname, zusammengesetzt aus der Farbe seiner Körperbehaarung und dem Gerücht, seine Größe in Zentimetern entspreche exakt seinem Gewicht in Kilo. Antonov war Chef der Security an Bord und somit unser direkter Vorgesetzter.
    »Hör zu, was der Doktor zu sagen hat«, raunte er eindringlich und drückte meinen Arm, als ob er Saft daraus pressen wollte.
    »Ein langer, dünner Draht«, sagte der Doktor aufgeräumt, »irgendwo da oben befestigt«, und er nahm extra die Pfeife aus dem Mundwinkel, um mit ihrem S-förmig gebogenen Stiel die zehn Etagen technischen Wirrwarrs hochzudeuten, »am unteren Ende zu einer Schlinge verzwirbelt, diese um den Hals gelegt, von hoch oben heruntergesprungen und >Zapp!<«
    Die abrupte Geste, mit der er das >Zapp!< begleitete, rang dem Ersten Detektiv in seiner Ecke einen weiteren Schwall ab. Hat einen empfindlichen Magen, der Jochen Fuchs. Immer schon gehabt. Schon in der Schule brauchte man ihn nur auf ein paar weiche Spaghetti in der Mitte seines gerade angebissenen Leberwurstbrötchens aufmerksam zu machen und - Hua!, Bluärrks!, Bröckelhusten meterweit.
    »Nun, da das geklärt wäre«, meinte Kapitän Zouteboom und setzte ohne eine weitere Frage den Kopf auf einer der Stahlgitter-Treppenstufen ab, »und wenn die Herren Antonov, Fuchs und Kryszinski nichts einzuwenden haben, wovon ich ausgehe«, fügte er mit einigem Nachdruck hinzu, ehe ich auch nur den Mund aufmachen konnte, »ordne ich, auch um unsere Passagiere nicht zu beunruhigen, eine unzeremonielle Seebestattung in den frühen Morgenstunden an.« Und sich die Hände mit einem blütenweißen Taschentuch abwischend machte er sich, dicht gefolgt vom Doktor und meinem fassungslosen Blick, eilig an den Aufstieg, zurück ins immerwährende Sommerlicht des Nordens.
    Ein Mann seiner Besatzung war tot, doch das hatte niemanden zu beunruhigen, am allerwenigsten die zahlenden Gäste. Der in Südafrika geborene Kapitän zur See wusste Schwerpunkte zu

Weitere Kostenlose Bücher

Die heimliche Braut
Die heimliche Braut von Margaret Moore
Hoellentrip
Hoellentrip von James Patterson
Blutspur
Blutspur von Kim Jones