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Entscheidung im Palast des Prinzen

Entscheidung im Palast des Prinzen

Titel: Entscheidung im Palast des Prinzen
Autoren: Lynn Raye Harris
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1. KAPITEL
    Als Alexej Woronow den Schrei hörte, der die nächtliche Stille durchbrach, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter, und er war sofort in Alarmbereitschaft. Währenddessen rieselte leise der Schnee und bedeckte das Kopfsteinpflaster des Roten Platzes mit einer feinen Puderschicht. Rechts von ihm erhob sich die Kremlmauer. An deren Ende ragte der Erlösertum mit seinem riesigen Ziffernblatt in den Himmel und erinnerte ein wenig an „Big Ben“ in London. Daneben sah man die Basiliuskathedrale mit ihren farbenprächtigen Zwiebeltürmen.
    Es war schon nach Mitternacht, und nichts ließ darauf schließen, dass außer Alexej noch jemand auf dem Platz wäre.
    Bis er wieder einen Schrei hörte.
    Alexej fluchte. Er wartete auf seinen Kontaktmann, konnte aber nicht länger so tun, als hätte er nichts gehört. Wahrscheinlich handelte es sich nur um einen Streit vor einem der vielen Clubs, bei dem sich eine Frau die Seele aus dem Leib schrie, während ihr Partner ihre Ehre verteidigte. Trotzdem musste Alexej etwas tun, auch wenn er damit den Verlust wichtiger Informationen riskierte, weil er den vereinbarten Treffpunkt verließ.
    Andererseits wartete er selbst schon seit einer halben Stunde im Schatten des Lenin-Mausoleums. Der Kontaktmann war seit fünfzehn Minuten überfällig. Vielleicht hat er es sich anders überlegt?
    Wenn Alexejs Gegenspieler Wind von der Sache bekommen hatte, bezahlte er dem Informanten vielleicht noch mehr. Alexej selbst war bereit, ein kleines Vermögen für die Insider-Information auszugeben. Trotzdem konnte er nicht länger hier herumstehen, während eine Frau Hilfe benötigte. Es war sein Schicksal, dass er mit einem ausgeprägten Ehrbarkeitsgen auf die Welt gekommen war, das ihn manchmal sogar gegen seine eigenen Interessen handeln ließ.
    Das Kaufhaus GUM gegenüber war hell erleuchtet, und Alexej wollte gerade darauf zugehen, als er ein Geräusch hörte. Schritte! Das Echo auf dem leeren Platz machte es schwierig, sie zu orten. Gleich darauf stürzte eine Frau aus der Dunkelheit direkt auf ihn zu. Er hatte keine Zeit mehr, ihr auszuweichen, und sie wären beinahe beide hingefallen.
    Alexej hielt die Frau fest, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Das dauerte eine Weile, da sie sich gebärdete wie eine Wilde. Sie gab keinen Laut von sich, versuchte aber mit aller Kraft, sich von ihm loszumachen. Dabei kam ihr Ellbogen seinem Gesicht gefährlich nahe. Instinktiv wehrte Alexej den Schlag ab, dann drehte er die Frau mit dem Rücken zu sich und hielt ihr den Mund zu. Er spürte, wie sich in ihrer Kehle ein Schrei formte. Wenn er sie jetzt losließ, würden wahrscheinlich seine Trommelfelle platzen.
    „Wenn Sie noch einmal schreien“, flüsterte er ihr ins Ohr, „wird Ihr Verfolger Sie finden. Und ich werde mich bestimmt nicht in das Handgemenge zwischen ihm und Ihrem Liebhaber mischen.“
    Es wäre sowieso besser, er würde sich da raushalten. Womöglich kam sein Informant doch noch. Ein bedeutender Geschäftsabschluss stand auf dem Spiel, ganz zu schweigen von dem Ziel, auf das er schon seit Jahren hinarbeitete und das nun endlich in greifbarer Nähe lag. Dieses wichtige Treffen zu verpassen, weil zwei Männer im Alkoholrausch aneinandergeraten waren, gehörte nicht zu seinem Plan. Noch konnte er sich umdrehen und wäre mit wenigen Schritten wieder beim Mausoleum.
    Unter seiner Hand versuchte die Frau, den Kopf zu schütteln und etwas zu sagen. Es klang ausländisch. Ist sie eine Touristin? Seit der Perestroika gab es sehr viele Ausländer in Moskau. Darum wiederholte Alexej noch einmal auf Englisch, was er ihr zuvor ins Ohr geflüstert hatte.
    Die Frau hielt den Atem an, und Alexej wusste, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen hatte. Er sprach auch Deutsch, Französisch und Polnisch, aber mit Englisch kam man in der Regel am weitesten.
    „Ich tue Ihnen nichts“, sagte er, „wenn Sie allerdings noch einmal schreien, überlasse ich Sie Ihrem Verfolger, verstanden?“
    Sie nickte rasch, und Alexej drehte sie wieder zu sich um, bevor er sie losließ. Ihre rauchgrauen Augen glänzten im Widerschein der Schaufensterbeleuchtung. Ihre Kapuze war heruntergerutscht. Sie hatte dunkles Haar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Die Frau besaß feine Züge und wirkte zerbrechlich, obwohl sie sich in der Auseinandersetzung mit ihm alles andere als schwach erwiesen hatte.
    Unschlüssig sah sie ihn an. „Bitte helfen Sie mir“, platzte sie dann heraus und

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