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Entscheidung aus Liebe

Titel: Entscheidung aus Liebe
Autoren: Jacqueline Navin
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1. Kapitel
    Northumberland, England, 1847
    Es gab keinen Zweifel. Jareth Hunt, der Duke of Strathmere, sah aus dem Fenster seines Arbeitszimmers und beobachtete seine beiden Nichten und ihre Gouvernante, die vergnügt auf dem Rasen herumtollten. Chloe Pesserat war nicht im Geringsten für diese Stellung geeignet.
    Missbilligend schüttelte er den Kopf. Die junge Frau lag bäuchlings auf der Decke, die sie auf dem Rasen ausgebreitet hatte, und stützte den Kopf auf ihre Handflächen. Sie hatte eines ihrer Beine gebeugt und wackelte schamlos mit ihrem schuhlosen Fuß. Miss Pesserat benahm sich, als sei sie in einem Schlafzimmer und nicht an einem öffentlichen Ort. Ihr bestrumpftes Bein war sogar teilweise entblößt! Dennoch musste Jareth insgeheim zugeben, dass es ein äußerst wohlgeformtes Bein war, mit einer hübsch gerundeten Wade und einem zarten Knöchel ...
    Schluckend schob er den Zeigefinger in seine sorgfältig gebundene Krawatte und versuchte, den engen Knoten etwas zu lockern. Ihm fiel auf, dass ihm das Atmen plötzlich schwer fiel. Es muss am Feuer liegen, dachte er, während er einen Blick zum Kamin warf. Eigentlich war es in diesem Raum viel zu warm für einen so schönen Tag.
    Er öffnete das Fenster einen Spalt, um etwas frische Luft hineinzulassen. Im Garten brüllte seine ältere Nichte so laut, dass Jareth leicht zusammenzuckte. Die fünfjährige Rebeccah rannte mit ausgebreiteten Armen durch das Gras und stieß unverständliche, schrille Laute aus.
    Stirnrunzelnd sah er diesem lächerlichen Spiel zu. Ihr Benehmen war vollkommen unangemessen für die Tochter des verstorbenen Duke of Strathmere. Dennoch gefiel ihm Rebeccahs ausgelassene Art wesentlich besser als das Verhalten seiner dreijährigen Nichte Sarah. Viel zu still für ein Kind ihres Alters, saß das Mädchen beinahe bewegungslos auf dem Rasen. Ihre ganze Aufmerksamkeit schien der verwelkten Blume zu gelten, die sie in ihrer kleinen Hand hielt.
    „Und was ist dann passiert?" rief Rebeccah aufgeregt.
    „Dann besiegte der Prinz den bösen Drachen!" In Miss Pesserats Stimme war nur ein Hauch ihres französischen Akzents zu hören, was ihren Worten durchaus einen gewissen Charme verlieh.
    „Hurra!" rief Rebeccah. „Der böse Drache ist tot!" Gleichzeitig begann sie wieder, mit den Armen zu wedeln und diese schrillen Laute auszustoßen. Offensichtlich spielte sie einen fliegenden Drachen.
    „Und dann ...", fuhr Miss Pesserat in einem spannungsverheißenden Tonfall fort, während sie einen ihrer zarten Finger hob.
    Rebeccah blieb wie angewurzelt stehen. „Ja?" fragte sie atemlos.
    „Er kehrte zu seiner Prinzessin zurück, und die beiden lebten glücklich bis an ihr Ende."
    Rebeccah klatschte lachend in die Hände und sprang in die Luft. Miss Pesserat
    wandte sich Sarah zu und wackelte mit den Fingern, was das kleine Mädchen zum Lächeln brachte.
    Trotzdem lachte sie nicht. Jareth schmerzte das Herz in der Brust, während er seine jüngste Nichte, die ernste kleine Sarah, beobachtete. Seit dem tödlichen Unfall ihrer Eltern vor drei Monaten hatte sie kein einziges Wort mehr gesprochen.
    Vielleicht war es nur eine grausame Laune des Schicksals oder ein Fehler des Kutschers gewesen, der Jareths älteren Bruder und seine Frau das Leben gekostet hatte. Ihre Kutsche hatte sich in einer scharfen Kurve überschlagen und war in eine Schlucht gestürzt. Der Duke und die Duchess waren bei dem Unfall gestorben, doch glücklicherweise hatten ihre beiden Kinder, die sie begleitet hatten, überlebt. Doch nicht ohne Folgen, dachte Jareth.
    Rebecca hatte Verletzungen davongetragen, von denen sie sich erstaunlich schnell wieder erholt hatte. Die kleine Sarah jedoch, die seltsamerweise ohne einen einzigen Kratzer von der Unglücksstelle gerettet worden war, war seitdem stumm. Obwohl ihre Stimmbänder völlig unversehrt waren, hatte sie einfach aufgehört, zu sprechen. Tatsächlich gab sie überhaupt keine Geräusche von sich - kein Weinen, kein Lachen, nicht den winzigsten Laut seit dem Tage des Unfalles.
    Dieses schreckliche Unglück hatte Jareth zudem zum siebenten Duke of Strathmere gemacht. Doch sein hoher Rang bereitete ihm keine Freude. Der Schmerz über den erlittenen Verlust bereitete ihm schlaflose Nächte, und er wurde von Schuldgefühlen gequält. Das zufriedene Leben, das er als Zweitgeborener geführt hatte, war endgültig vorbei. Seine Geschäfte, seine Freunde und besonders seine hochgeschätzte Freiheit - all dies war für immer verloren.

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