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Engelsblut

Engelsblut

Titel: Engelsblut
Autoren: Julia Kroehn
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Lena tut es.
    Obwohl ich es von ihr verlangt habe, scheint es merkwürdig und unvermutet. Zuerst nestelt sie an ihrer Bluse, als wolle sie nur ein Taschentuch hervorziehen. Dann aber beginnt sie, Knopf um Knopf zu lösen und sich langsam zu entkleiden. Wortlos zieht sie die Bluse von den Schultern. Sie sind nicht schlaff, wie man vermuten könnte, da sie doch zwanzig Jahre älter ist als ich, sondern marmorglatt und nur von verblichenen Sommersprossen bestreut.
    Ich starre sie mit trockenem Mund an. Schon zieht sie an den Schnüren des Mieders, und ich sehe und fühle ihre Bewegungen, die so langsam und steif sind, als wären sie in Ton gehauen. Ich kann mich kaum zurückhalten, auf sie zuzugehen, Sprünge in den Ton zu schlagen und ein Weib zu berühren, von dem ich die letzten Tage nichts anderes dachte, als dass es alt, steinern und ohne Verstand sei.
    Sie quält mich mit ihrer Langsamkeit, macht mich den Wunsch vergessen, ihr Tun zu begreifen, stutzt mich zurecht auf das bloße Begehren, ihre nackten Brüste zu sehen.
    Inständig hoffe ich, sie möge mir diesen Anblick nicht vorenthalten, ihr Mieder nicht nur zögernd aufbinden und dann womöglich verharren, ohne es abzustreifen.
    Endlich, endlich – ich schlucke verwirrt – löst sich das Mieder an seinen Rändern, beginnt sich von einer Haut zu schälen, die jung und alt zugleich ist, beinahe unberührt und doch durch ein Leben getragen, in dem viel mehr geschehen ist als in meinem. Jetzt, da der Stoff ihrer Kleidung sie nur mehr lose bedeckt, glänzt ihre Haut nicht mehr tönern, sondern wächsern. Sie wird weich. Wenn ich sie angreife, denke ich, wird die Haut nachgeben, ich werde darin versinken, ich werde vorgreifen können bis zu ihrer Seele – und vielleicht werde ich daran sterben.
    Wer liebte diese Frau und hat es überlebt?
    Ihr Anblick saugt mich auf. Dort, wo ich eben noch stand, scheint ein dunkles Loch verblieben zu sein. Ich selbst bin verschwunden unter ihrer sachte schimmernden Haut, einverleibt und verspeist auf ewig.
    Jetzt stockt sie. So abrupt fällt diese Bewegung aus, dass sie mich zurück auf meinen Platz befiehlt, zurück in die Rolle des Starrenden. Ehe sie sich mir gänzlich nackt zeigt, reicht sie mir ein zusammengefaltetes Bild, das sie zwanzig Jahre lang wie eine zweite Haut zwischen Brust und Mieder trug, das sie vor den Augen der Welt schützte, um sich gleichsam dahinter zu verbergen, und das sie nun, da sie es mir gibt, einer Nacktheit ausliefert, die tiefer geht als das bloße Ablegen von Kleidern. Das Bild stammt von der Hand eines Malers, vielleicht des größten und des verstörendsten, der auf dieser Welt hauste.
    Seinetwegen bin ich hierher gekommen. Seinetwegen habe ich mich herabgelassen, mit diesem Weib zu reden. Ihn und sein Werk wollte ich entdecken und nicht etwa diese alte Frau, die meine Mutter sein könnte und die mich dazu verführt hat, sie kurz und absolut zu begehren.
    »Nun nehmt!«, sagt sie und wird wieder das, als was sie mir die letzten Tage erschien.
    Zitternd neige ich mich vor.
    »Das letzte Bild des Samuel Alt?«, frage ich.
    »Er malte es in der Nacht vor seinem Tod«, entgegnet sie. Auf ihren Schultern richten sich die Härchen auf. Sie zittert und friert – und bleibt doch entblößt sitzen, bis ich das Bild betrachten kann.
    Tagelang habe ich diese letzte Zeugin eines großen Lebens beredet, es mir zu zeigen. Nun, da ich es in den Händen halte, erstaunt mich, dass für Augenblicke ihr alter, nackter Körper wichtiger schien.
    Es ist nicht nur das letzte Bild des Samuel Alt. Es ist ein Bild, das Zeugnis gibt von einem schrecklichen Verbrechen.

»Warum vertilgt mit dem Flammenschwert
All die Gräuel von der Erde
Der Todesengel nicht?«
FRIEDRICH HÖLDERLIN

ERSTER TAG
    Es ist zu erzählen, wie Samuel von einem Domherrn
    gezeugt wird, Marie ihn im Kuhmist gebiert und die
    unglückliche Felicitas ihn nicht berühren will
    Als Gräfin Marie den Bund der Ehe schloss, war ihr Leib dick. Die Leute bezeugten die Trauung mit Häme. Sie beschwatzten hinter vorgehaltenen Händen, dass der Graf von Altenbach-Wolfsberg Besseres verdient hätte und dass Marie eine Hure der schlimmsten Art, nämlich ein Kebsweib, sei.
    Sie schritt mit gesenktem Kopf zum Altar, faltete die Hände, aber kannte kein Gebet. Ihr Gedächtnis war ausgehöhlt vom Verrat, der an ihr verübt worden war und der das Kind, das sie trug, zum Bastard machte. Es zählte und half nicht, dass diese Schande mit der Hochzeit verheuchelt

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