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Elixir

Elixir

Titel: Elixir
Autoren: H Duff
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eins
    Ich konnte nicht atmen. Eingekeilt in eine wogende Menschenmenge rang ich nach Luft, bekam aber keine. Die Hitze einer Million zuckender Leiber versengte mich, Schweiß erfüllte die Luft und machte sie schwer und stickig. Verzweifelt sah ich mich nach einer Fluchtmöglichkeit um, doch die stechend aufblitzenden Lichter raubten mir die Orientierung.
    Mir wurde schwindelig. Jeden Moment konnte ich umkippen.
    Ich zwang mich, tief einzuatmen, und versuchte, mich zu beruhigen. Es ging mir gut. Ich war nicht in Gefahr. Ich befand mich auf einer Tanzfläche im exklusivsten Nachtclub von Paris. Manche Leute standen die ganze Nacht in der eisigen Kälte Schlange für den Hauch einer Chance, dorthin zu gelangen, wo ich jetzt war.
    Es half nichts. Der Techno-Beat wummerte in meinem Kopf, fünf Töne, die sich endlos wiederholten, bis ich dachte, ich müsste gleich schreien. Die Menschenmenge um mich schloss sich noch enger, sodass ich meine Arme nicht mehr rühren und kaum mehr den Kopf wenden konnte. Plötzlich hatte ich die Vision, es würde bis in alle Ewigkeit so weitergehen, ich wäre für immer auf winzigem Raum eingezwängt wie in einem Sarg.
    Wie der Sarg meines Vaters. Hatte er einen Sarg? War er überhaupt begraben? Wusste irgendjemand, wo er ums Leben gekommen war? War er vielleicht allein, verirrt im Dschungel? War er von wilden Tieren angegriffen worden? Hatte ihn jemand gefunden und gefoltert? Hatte er gebetet, dass wir ihn retten würden, bevor es zu spät war?
    Das gab mir den Rest. Jetzt hyperventilierte ich. Ich schloss die Augen und riss mit einem Ruck meine Arme nach oben. Dann streckte ich sie zur Seite aus und schwamm durch dieses Meer sich windender und aneinander reibender Leiber um mein Leben. Mir kamen fast die Tränen, als ein Schwall Winterluft mein Gesicht streichelte. Ich hatte es nach draußen auf den Balkon geschafft. Ich stolperte zu einem freien Zweiersofa und ließ mich gegen die Rückenlehne sinken. Gierig trank ich Schluck für Schluck die frische Luft. Ich war wieder da; ich war okay. Abermals atmete ich tief durch, diesmal ganz ruhig und konzentriert, und ließ den Blick über die Dächer des nächtlichen Paris’ schweifen, den Eiffelturm, der in gelbes Licht getaucht war. Es war wunderschön. Automatisch griff ich nach der Fototasche, die sonst immer an meiner Hüfte hing, aber ich hatte sie natürlich nicht mit in den Club genommen. Seufzend tastete ich nach dem silbernen Anhänger in Form einer Schwertlilie, den ich immer um den Hals trug. Ich ließ meine Finger über die drei nach oben stehenden Domblätter und die drei herabhängenden Kelchblätter gleiten. Die oberen drei Blätter stehen für Vertrauen, Mut und Weisheit, hatte mein Dad gesagt, als er mir die Kette an meinem fünften Geburtstag um den Hals gelegt hatte. Über all das verfügst du bereits im Übermaß, mein kleines Mädchen. Er hatte sich vor mich hingekniet und mir in die Augen gesehen. Aber wenn es mal hart auf hart kommt und du es vergessen solltest, dann wird dich diese Kette daran erinnern.
    » Clea? Alles in Ordnung?«
    Ich lächelte und drehte mich zu meiner ältesten und besten Freundin um, die in hochhackigen Riemchensandalen über den Balkon auf mich zustöckelte. Diese Schuhe in Kombination mit einem goldenen Kleid, endlosen Beinen und der roten Lockenmähne ließen Rayna aussehen, als wäre sie einem griechischen Mythos entsprungen.
    » Alles bestens«, versicherte ich ihr, doch die Falte zwischen ihren Augenbrauen zeugte davon, dass sie mir nicht ganz glaubte.
    » Hast du an ihn gedacht?«
    Ich musste nicht antworten. Ihr Blick ruhte auf meiner Hand, die noch immer auf dem Amulett lag. Sie wusste Bescheid.
    » Es ist schlimmer, wenn du nicht genug Schlaf bekommst«, sagte sie. » Vielleicht sollten wir zurück ins Hotel und…«
    Noch ehe sie ausgesprochen hatte, schüttelte ich den Kopf. Mir ging es wirklich schon viel besser. Und selbst, wenn es nicht so gewesen wäre– Schlaf half nicht, sondern war im letzten Jahr meist eine Eintrittskarte ins Albtraumkabinett gewesen, auf das ich gut und gerne verzichten konnte.
    Außerdem: Auch wenn Rayna sofort mit mir gehen würde, wenn ich sie darum bäte, war mir natürlich klar, dass das mit Sicherheit das Letzte auf der Welt war, was sie wollte. Sie hatte nur noch drei Tage, ehe die Winterferien zu Ende waren und sie zurück an die Vallera Academy in Connecticut musste, um die Abschlussklasse zu beenden. Ich wusste, wie das war. Letztes Jahr um diese

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