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Elfenzorn

Elfenzorn

Titel: Elfenzorn
Autoren: Wolfgang Hohlbein
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I
    D as Haus war dunkel und still, aber nicht verlassen. Nirgends brannte Licht, und weder aus den offen stehenden Fenstern noch aus der halb aus den Angeln gerissenen Tür drang auch nur der kleinste Laut. Aber jemand war dort drinnen. Jemand oder etwas.
    Pia konnte es spüren. Etwas … lauerte in der trügerischen Stille hinter der Tür. Auf sie.
    Sie huschte aus der kümmerlichen Deckung eines der halb vertrockneten Rhododendronbüsche, die in Estebans Vorgarten seit Jahren vor sich hin starben, in die eines noch dürreren (und ebenso verdurstenden) Rosenstrauches und konzentrierte sich ganz auf das dunkel daliegende Gebäude vor sich. Es fiel ihr ziemlich schwer. Sie musste unentwegt gegen den verrückten Gedanken ankämpfen, der Busch könnte plötzlich mit seinen Zweigen wie mit tausend dünnen dornigen Ärmchen nach ihr greifen und sie zu Tode quetschen.
    Mit einiger Mühe schüttelte sie diesen Gedanken ab und konzentrierte sich endgültig auf das Haus. Es war Estebans Haus, und somit irgendwie auch ihres. Jedenfalls hatte sie in den zurückliegenden zwanzig Jahren genug Zeit darin verbracht, um mit Fug und Recht behaupten zu können, irgendwie darin aufgewachsen zu sein. Sie kannte es wie die berühmte Westentasche und hatte schon als Kind ein halbes Dutzend Wege ausgeknobelt, um aus dem Haus zu kommen, ohne dass Esteban oder einer seiner Wachhunde sie bemerkte; und logischerweise auch ebenso viele hinein. Im Moment liebäugelte sie mit dem Kellerfenster und dem Weg durch den Weinkeller und die Küche, oder mit dem direkteren Weg über das Garagendach und zum Fenster ihres alten Zimmers, was zwar schneller gegangen wäre, aber auch die Gefahr barg, dass man sie dabei beobachtete.
    Dann fiel ihr ein, dass es da noch etwas gab, was sievergessen hatte. Niemand konnte sie beobachten, wenn sie es nicht wollte.
    Sie stand auf, streifte endlich den viel zu warmen und schweren Umhang ab und hüllte sich in einen anderen Mantel aus beschützenden Schatten.
    Die Entscheidung schien richtig gewesen zu sein, denn ihre Füße setzten sich ganz ohne ihr eigenes Zutun in Bewegung, trugen sie aber nicht auf die Garage und das Vordach zu, sondern wieder ein Stück zurück und dann direkt zur Haustür. Zumindest ihre Stiefel schienen also der Meinung zu sein, dass sie tatsächlich unsichtbar war. Und wer war sie schon, ihnen zu widersprechen?
    Direkt vor der Tür blieb sie trotzdem noch einmal stehen und sah sich aufmerksam in alle Richtungen um. Ihre innere Uhr verriet ihr, dass es kurz vor vier war. Noch gute zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang. Selbst über das verwinkelte Labyrinth der Favelas hatten sich mittlerweile Dunkelheit und Stille gesenkt. In dem einen oder anderen Haus (wenn man die zumeist aus Sperrholz oder Wellblech zusammengestümperten ärmlichen Hütten so nennen wollte) brannte zwar noch Licht, und von irgendwoher drang quäkende Musik aus einem billigen Kofferradio an ihr Ohr, aber darüber hinaus war das einzige Geräusch, das sie hörte, das ferne Grundrauschen der Stadt.
    Dennoch wurde das unangenehme Gefühl, aus unsichtbaren Augen angestarrt zu werden, eher noch schlimmer.
    Sie drehte sich wieder zur Tür um. Sie war halb aus den Angeln gerissen und sah aus, als genügte schon ein leiser Windhauch, um sie endgültig umfallen zu lassen. Ein asymmetrisches X aus gelben Absperrbändern bildete eine symbolische Barriere, unter der sie sich vorsichtig hindurchbückte, um sie nicht zu berühren und kein verräterisches Geräusch zu verursachen. Alles war still. Das Haus war nicht nur menschenleer, sondern schien regelrecht den Atem anzuhalten. Aber etwas war hier.
    Vielleicht waren es nur die Erinnerungen, dachte sie. Es warWochen her, dass sie das letzte Mal hier gewesen war, und alles war so schnell und panisch abgelaufen, dass der Schrecken nicht einmal wirklich Zeit gefunden hatte, sich ganz zu entfalten. Dafür spürte sie ihn jetzt umso deutlicher, zusammen mit ihrem schlechten Gewissen, in all den Wochen nicht ein einziges Mal an Esteban gedacht zu haben.
    Möglicherweise lag es daran, dass hier alles so vollkommen unverändert aussah. Als wäre es gerade erst passiert und nicht schon Wochen her. Ein leicht chemischer Geruch hing in der Luft, und die Absperrbänder vor der Tür bewiesen, dass die Polizei hier gewesen war. Von Aufräumen schienen sie nicht sehr viel zu halten. Sah man von dem Geruch (sie vermutete, dass er von irgendeiner der geheimnisvollen Chemikalien der Spurensicherung stammte)

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