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Elena - Ein Leben für Pferde

Elena - Ein Leben für Pferde

Titel: Elena - Ein Leben für Pferde
Autoren: Nele Neuhaus
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Prolog
     
    Der Regen hatte aufgehört, die dicke graue Wolkendecke riss auf und Elena Weiland beschloss nach einem kritischen Blick von der Stalltür aus zum Himmel, die regenfreie Stunde für einen Ausritt zu nutzen, auch wenn es bereits später Nachmittag war. Der Sommer war vorüber und in den kommenden Monaten würde sie häufig genug in der Reithalle reiten müssen.
    Das Mädchen stellte den Fuß in den Steigbügel und schwang sich in den Sattel ihres Schimmelponys. Sirius spitzte die Ohren, als er merkte, dass es hinaus in die Felder und zum Wald ging und nicht in die Reitbahn. Im flotten Trab trug er seine junge Reiterin den sandigen Weg Richtung Waldrand, aber Elena lenkte ihn nach links, zu den abgeernteten Feldern und Wiesen. Sie hob den Kopf und beobachtete die Kraniche, die in V-Formation über den blassgrauen Oktoberhimmel gen Süden zogen, ihr vielstimmiges Trompeten war wie ein wehmütiger Abschiedsgruß des plötzlich so fernen Sommers. Die bunten Farben der Blätter an den Bäumen waren über Nacht blass geworden, leuchtendes Gold und Rot hatten sich in fahles Gelb und knisterndes Braun verwandelt, die Natur verlor ihre Kraft.
    Elena wandte ihr Gesicht vom Wind ab und stellte mit einer Hand den Kragen ihrer Jacke auf. In den heftigen Böen, die an den Blättern zerrten, die Bäume schüttelten und den freundlichen Altweibersommer davonjagten, lag eine Ahnung von frostiger Kälte.
    Sirius galoppierte an und Elena ließ ihn gewähren. Erst oben auf dem Hügelkamm parierte sie das Pony durch und wandte sich im Sattel um. Sie liebte die Aussicht hinunter auf den Amselhof, der von hier oben so klein aussah wie ein Spielzeugbauernhof. Elena stellte sich in den Steigbügeln auf und ließ ihren Blick schweifen. Rings um die Reithalle drängten sich die verschiedenen Stallgebäude, daneben wie helle, kahle Flecken die Reitplätze. Auf dem Parkplatz zwischen Reithalle, Gaststätte und dem Wohnhaus standen ein paar Autos und weiter vorn, zwischen der Scheune und den zwei großen Kastanien, kroch emsig der Traktor hin und her wie ein glänzend roter Käfer. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie über das Sirren des Windes hinweg Motorengebrumm hören.
    Elena war auf dem Amselhof geboren und aufgewachsen, er war ihre Heimat und sie versäumte es nur selten, sich hier an dieser Stelle umzudrehen.
    Aber nun wurde Sirius ungeduldig, er wollte weiter. Das Pony kannte jeden Feldweg und jede Galoppstrecke und es mochte einen schnellen Galopp genauso wie Elena.
    Nach einer Weile erreichten Pony und Reiterin den Waldrand und tauchten in das dichte Meer aus Bäumen ein. Zwischen den Baumstämmen war es beinahe windstill, nur die Wipfel regten sich im Wind und das Laub auf dem schmalen Pfad dämpfte das Geräusch der Ponyhufe. Lautlos sprang ein Reh auf, schaute erstaunt, verharrte ein paar Sekunden und verschwand mit graziösen Sprüngen im Dunkel des Waldes. Sirius tat, als hätte er sich erschreckt, und galoppierte los. Elena grinste nur und ließ den grauen Wallach laufen.
    An einer Wegkreuzung bremste sie seinen wilden Galopp. In Kürze würde die Dämmerung hereinbrechen, zu weit durfte sie nicht reiten. Sie lenkte Sirius nach rechts und parierte durch zum Schritt. Das dichte Fell, das sich das Pony bereits zugelegt hatte, dampfte in der kühlen Luft. Die hohen düsteren Fichten und Douglasien links und rechts der Schneise, die ein heftiger Sturm im letzten Frühjahr in den Wald geschlagen hatte, glichen einer gotischen Kathedrale, wie Elena sie auf der letzten Klassenfahrt besichtigt hatte, und versetzten sie in eine andächtige Stimmung. Ein paar Hundert Meter weiter hatte sie den Waldrand erreicht.
    Vor ihr lag die große Koppel, auf der die Herde der Jungpferde graste, die hier einen unbeschwerten Sommer verbracht hatten. Schon bald würden die Nächte zu kalt werden und man würde sie hinunter auf den Hof holen, wo sie in großen Laufboxen mit dicker Stroheinstreu den Winter über blieben.
    Der Abendnebel stieg aus den Wiesen und es sah so aus, als ob die Pferde schwebten. Eines der jungen Pferde, ein heller Fuchs mit einer breiten Blesse, hob den Kopf, blickte neugierig zu Elena und ihrem Pony herüber und stieß ein helles Wiehern aus. Die anderen taten es ihm nach und schließlich kamen sie näher, erst im Schritt, dann im Trab. Elena kannte jedes Pferd seit seiner Geburt und rief ihre Namen. Sie folgten ihr auf der anderen Seite des Zauns, dann mussten sie zurückbleiben und blickten ihr nach, wie sie den

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