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Eins zu Null für Schreckenstein

Eins zu Null für Schreckenstein

Titel: Eins zu Null für Schreckenstein
Autoren: Oliver Hassencamp
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Die schottische Tante

    In der Teepause vor der Arbeitsstunde saß Beni im Eßsaal auf fünf Stühlen. Zwei für die Beine, zwei mit den Rücklehnen unter die Arme geklemmt und einen, auf die Hinterbeine gekippt, als Sitz. Beni hatte sich beim Training das linke Wadenbein angebrochen und trug einen Stärkeverband, geschmückt mit den Unterschriften der ganzen Klasse.
    „Allein?“ Gespielt besorgt kam Eugen näher. „Hast du die Tante in den See geschmissen?“
    Beni verstand sofort, stellte sich aber begriffsstutzig. „Welche Tante?“
    „Die große, schwere, die du nach Tisch auf dem Kappellsee rumgerudert hast!“ verdeutlichte Eugen.
    „Ach die Tante! Die ist ein Neffe von ihrem Onkel. Wenn du auf hundert Meter keinen männlichen Schotten mehr von einer Frau unterscheiden kannst, würde ich mir an deiner Stelle eine Brille verpassen lassen!“
    Eugen wußte natürlich, daß es sich um einen schottischen Verwandten des Burgherrn, Graf Schreckenstein , handelte, der seiner schmalen hakenförmigen Nase wegen allgemein Mauersäge genannt wurde. Er hatte Beni nur aufzwicken wollen.
    Da ging Mücke direkter vor. Der kleine Chefredakteur der Schulzeitung Wappenschild hatte sich dazugesellt und meinte, sozusagen von Berufs wegen neugierig: „ Mauersäges Neffe scheint Deutsch zu sprechen? Du hast dich mit ihm lange unterhalten, und dein Englisch kennen wir ja.“
    Beni hörte gar nicht näher hin. Er platzte schier vor Mitteilungsbedürfnis. „ Wußtet ihr, daß in so einem Schottenrock sieben Meter Stoff verarbeitet sind? Und daß es ungefähr sechshundert verschiedene Karos gibt?“
    „Mann!“ staunte Eugen. „Das ist ja dreimal soviel wie mein Wortschatz in Latein!“
    „Aber Burgen und Burgruinen gibt’s noch mehr!“ fuhr Beni fort. Das interessierte alle sehr.
    Die Jungen auf Burg Schreckenstein eiferten nämlich den ehemaligen Burgbewohnern nach. Sie waren ehrlich zueinander, fair und überhaupt nicht wehleidig. Eben Ritter. So nannten sie sich auch.
    „Gibt’s tausend Burgen?“ fragte der kleine Eberhard.
    Beni zog die Schultern hoch. „Ich weiß nicht, ob tausend, aber ich weiß, daß viele über tausend Jahre alt sind.“
    „Wie die Horn!“ platzte Witzbold Klaus dazwischen.
    Ein gutes Dutzend Ritter hatte sich um Beni geschart, und alle lachten über diese Anspielung auf die Leiterin des Mädcheninternats Schloß Rosenfels, drüben am anderen Ufer.
    „Gibt’s auch Schulen in Burgen, so wie unsere?“ wollte Mücke wissen.
    Beni grinste. „Gibt’s.“
    „Mann!“ rief da einer so laut, daß alle erschraken. Dampfwalze, das Schreckensteiner Muskelgebirge, drängte sich nach vorn. „Dann müssen wir uns die Tante mal schnappen, damit sie uns mehr davon erzählt.“
    Wieder grinste Beni. „Stell dir vor, auf die Idee bin ich auch gekommen.“
    „Und?“
    „Alles schon organisiert.“
    Beeindruckt nickten die Ritter. Wenn Beni das sagte, verhielt es sich so. Angeberei war auf der Burg verpönt.
    „Wieso läßt Mauersäge seinen Neffen mit dir da rumkurven?“ wunderte sich Pummel.
    Diesmal war Andi, auch er aus der Redaktion der Schulzeitung, informiert. „Mauersäge mußte nach Wampoldsreute zur Gemeinderatssitzung. Bürgermeister Kress will irgendwas bauen an seinem Gasthaus…“
    „Eigentlich wollte er segeln“, berichtete Beni weiter, „die Schotten sind ja Seefahrer. Aber bei dem flauen Wind… Er hat nur immer zu der Jolle von den Mädchen rübergeschaut und gegrinst.“
    „Ich hab sie auch gesehen“, bestätigte Pummel, als „Wasserwart“ für die Schreckensteiner Boote zuständig. „Windstärke null — Komma — zehn.“
    Von hinten kam Ralph dazu und tippte Beni auf die Schulter. „Telefon für dich! Aus Rosenfels. Deine Schwester.“
    „Was will denn die doofe Nuß ?“ schimpfte der, stemmte sich hoch und humpelte hinaus.
    Drei Stunden später löffelte die Ritterschaft im Eßsaal gerade den Nachtisch, ein außerordentlich beliebtes Rhabarberkompott, das immerzu nach mehr schmeckte, in größeren Mengen genossen jedoch eine stark körperreinigende Wirkung hatte und deshalb allgemein Turbosuppe genannt wurde.
    Beni löffelte wie ein Irrer. Mücke, der ihm gegenübersaß, schüttelte nur den Kopf, denn es herrschte Silentium, wie gegen Ende jeder Mahlzeit. Doch sein Blick sagte überdeutlich, was er dachte: Mann! Was soll denn das? So schnell kannst du doch gar nicht laufen mit deinem Bein!
    Da erhob sich Ottokar, trat in seiner Eigenschaft als Schulkapitän ans

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