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Eine unbegabte Frau

Eine unbegabte Frau

Titel: Eine unbegabte Frau
Autoren: Alan Burgess
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die mit der Bahn aus ihren dunklen Dörfern in den Tälern von Wales gekommen waren, um einmal eine recht ausgelassene Nacht in der großen Stadt Swansea zu erleben, waren ihr häufig sogar dankbar. Draußen vor dem Lokal übergaben sie sich nicht selten, wobei Gladys’ Rock sein Teil abbekam — und greinten ein bißchen von ihrer »Angst vor Mutti« oder schwatzten unzusammenhängende Intimitäten über ihre Seemannsliebsten aus. Meist aber waren sie froh, daß sich jemand ihrer annahm, wenn Gladys ihren mageren Arm um sie legte und sie zu einem Bett im Missionsheim führte. Am nächsten Morgen stotterten sie dann mit weißen Lippen ein leises Danke, wenn Gladys ihnen ein paar Münzen zusteckte und sie in den Zug setzte, der sie den kleinen Hütten zwischen den Bergen und einem waschechten, alttestamentlichen Elternzorn entgegentrug. Die älteren Dirnen aber, gehärtet von der Zeit und der wirtschaftlichen Not, waren ganz anders. Sie betrachteten die junge Wohlfahrtspflegerin, die sich so eifrig und so voll von Gott fremdem Seelenheil widmete, mit nachsichtigem Vergnügen. Manchmal kapitulierten sie sogar vor diesem inständigen Bemühen, und ab und zu durfte sie triumphierend am Sonntagabend eine kleine Gruppe von ihnen zu einer Andacht der Bibelmission führen. Eine nachhaltige Wirkung konnte man von diesem Kirchenbesuch natürlich nicht erhoffen, aber für einen flüchtigen Augenblick ließen sie sich durchströmen und erschüttern von dem Brausen und Beben, mit dem die Choräle aus den gewaltigen Kehlen der Walliser gegen das Ziegeldach schwollen — sie wurden hinweggehoben aus ihrer brutal-irdischen Welt voller Bieratem, voll gieriger Hände und der kurzen Leidenschaft argentinischer, griechischer, indonesischer Matrosen, Stewards und Heizer und was alles sonst noch in den Bäuchen der Schiffe schuftete, die den Hafen von Swansea anliefen.
    Gladys sah aber, daß diese Erfahrungen, so sehr sie ihren Geist und ihren Mut stärkten, leider keinen Einfluß auf ihr Bankkonto hatten. Und doch erkannte sie eines immer klarer: Wenn sie je nach China wollte — und sie war fest entschlossen, hinzugelangen, in welchem Beruf auch immer — , daß sie dann ihre Fahrkarte selber bezahlen mußte.
    Der einzige Weg, Geld zu verdienen, den sie kannte, war wiederum ihre alte Arbeit als Hausangestellte. Sie konnte sich nur sehr schwer dazu entschließen, aber als »Mitternachtsschwester« verbrauchte oder verschenkte sie das wenige, das sie bekam. Sie nahm also Abschied von ihren Freunden und fuhr zurück nach London.
    Durch ein Vermittlungsbüro fand sie eine Stelle im Hause von Sir Francis Younghusband, dem hervorragenden Soldaten, Schriftsteller und Forschungsreisenden. Er war es, der als erster über den Muztagh zog, den gewaltigen Bergriegel zwischen Kaschmir und China, das Herz Asiens. Es lag immerhin eine gewisse Ironie darin, daß er nichts von dem Menschen wußte, der in diesem Augenblick in seiner stattlichen Bibliothek die Bücher abstaubte, in denen von seinen Taten die Rede war. Und doch sollte dieses sonderbare Mädchen ein nicht weniger schreckensvolles Gebiet — in geographischer wie in menschlicher Hinsicht — zu bestehen haben als er.
    Lebhaft erinnerte sie sich an ihren Eintritt in diesen Haushalt. Nach der langen Fahrt von Edmonton hierher war sie ziemlich niedergeschlagen angekommen, hatte am Eingang des Hauses geläutet und wurde vom Diener zu ihrem Zimmer geführt. Es war klein, sauber und gemütlich — aber eben doch ein Dienstmädchenzimmer. Es war nicht China. Sie setzte sich auf den Bettrand, entnahm ihrem kleinen Koffer die schwarze, abgegriffene Bibel und gab ihr den gewohnten Platz auf dem Nachttisch. Daneben legte sie ihr Portemonnaie, das alles Geld enthielt, das sie besaß. Es waren zwei Pennies und ein halber. Sie schob die Geldstücke auf den Deckel der Bibel und konnte kaum die Tränen zurückhalten. Nun war sie wieder dort, wo sie einst angefangen hatte... ein Hausmädchen... und China schien so weit fort wie je.
    Plötzlich überkam sie das ganze Bewußtsein ihrer großen Not, und unwillkürlich rief sie laut: »O Gott — hier ist meine Bibel! Hier ist mein Geld! Hier bin ich! Kannst Du mich denn nicht brauchen, Gott?«
    Die Tür wurde geöffnet. Ein junges Stubenmädchen streckte ziemlich verdutzt den Kopf herein — sie hatte noch das heftige Gebet gehört: »Bist du Gladys?« sagte sie. Als Gladys nickte, fuhr sie fort: »Die gnä’ Frau möchte dich im Wohnzimmer sprechen. Sie will

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