Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Eine unbegabte Frau

Eine unbegabte Frau

Titel: Eine unbegabte Frau
Autoren: Alan Burgess
Ads
dieser Glaube hat sie nie verlassen, auch wenn die Begleitung viermotorige Düsenjägermusik war. Wie sehr sich diese Erfahrung, dieser Glaube einmal in China bewähren sollte — das konnte sie damals in Edmonton noch nicht ahnen. Hatten sie nicht gesungen, als sie über die wilden Berge marschierten, all diese müden Kinder, die mit wundgelaufenen Füßen nicht etwa ins Gelobte Land strebten, sondern hinab zum ungeheuren, uralt-ungezähmten, mörderischen Gelben Fluß? Und dort wartete die Enttäuschung! Hatte sie je schon einmal eine solche Enttäuschung erlebt? Doch — vielleicht damals in London bei der China-Inland-Mission.
    Sie konnte sich noch gut an die schwarzen Winteräste erinnern, die ihre Kurven vor den Fenstern des Lehrerzimmers in den blassen Londoner Himmel zeichneten. Der Vorsteher, ein großer, magerer, gelehrter Mann mit hochgewölbter Stirn hatte sie über den Tisch hinüber prüfend angesehen.
    Von den Winkeln seiner graublauen Augen ging ein ganzes Netzwerk tiefer, feiner Linien aus, überschattet von einem Paar mächtiger buschiger Augenbrauen. Wie ernst war sein Blick gewesen! Sie fühlte ihn noch, wie er nachdenklich ihre sechsundzwanzig Jahre, ihre ganze winzige, schlanke Person zu erfassen versuchte, ihr offenes schmales Gesicht mit dem dunklen, in der Mitte gescheitelten Haar, das in einem kleinen, soliden Knoten endete. Wenn er die energisch geschlossenen Lippen ansah, ahnte er wohl etwas von der Hartnäckigkeit, der inneren Kraft dieses Menschenkindes, und er mußte die Spannung spüren, eine Spannung, die sehr bald einer tiefen Entmutigung Platz machen würde — wußte er doch, daß sie mit zähem Willen an einer Hoffnung festhielt, die er nun endgültig zerstören mußte.
    Er breitete ihre Zeugnisse vor sich aus und sog seine Lippen ein.
    »Sie sind nun seit drei Monaten bei uns, Fräulein Aylward, wie ich sehe?«
    »Ja, Herr Vorsteher.«
    »Na — wie steht’s mit der Theologie?«
    »In Theologie war ich, glaube ich, nicht sehr gut«, sagte sie ruhig.
    Er hatte unter seinen Augenbrauen aufgeblickt.
    »Nein, gar nicht gut!«
    Oh, sie erinnerte sich, wie sie dagesessen hatte, die Finger krampfhaft auf dem Schoß zusammengepreßt, und kaum mehr die Stimme vernahm, welche die Liste ihrer Fehlleistungen aufzählte. Er verstand nicht, auf was es ihr ankam; und ihr fehlte es einerseits an Gewandtheit, ihm das klarzumachen, andererseits an Vorbildung, um seine Examen zu bestehen. Sie wußte, sie hatte nicht die »Grundlagen«, sie wußte, hier war wenig Hoffnung mehr. Aber unerschütterlich stand für sie fest, daß sie nach China gehen mußte — ganz klar lag dieser Weg vor ihr.
    »Sehen Sie, Fräulein Aylward, all diese Wissenslücken sind leider ziemlich ausschlaggebend«, sagte er mitleidig, »aber am wichtigsten ist wohl Ihr Alter. Wenn Sie nun wirklich noch drei volle Jahre der Ausbildung bei der China-Inland-Mission widmen könnten und wir würden Sie dann hinausschicken, dann wären Sie beinahe dreißig, ehe Sie in den Fernen Osten kämen.« Er wiegte bedenklich den Kopf. »Unsere Erfahrung zeigt, daß die Schüler — mit Ausnahme von ganz wenigen, weit über Durchschnitt begabten — von dreißig Jahren ab die allergrößten Schwierigkeiten mit der chinesischen Sprache haben.«
    »Wenn Sie sich das alles richtig überlegen, dann werden Sie sicher selbst verstehen«, fuhr der Lehrer fort, »daß es wenig Zweck hat, die Studien hier im Institut fortzusetzen. Wir haben Sie in gutem Glauben zur Probe aufgenommen. Falls Sie weiterlernen wollen, hieße das viel Zeit und Geld aufs Spiel setzen, um...« Er beendete den Satz nicht.
    »Ich verstehe«, sagte sie ruhig. »Und vielen Dank, daß Sie den Versuch mit mir gemacht haben. Es ist ja nicht Ihre Schuld, wenn ich all das nicht lernen kann.«
    Der Vorsteher versuchte, sie in ihrer Enttäuschung zu trösten. »Sie dürfen sich diese — hm — Wendung nicht so zu Herzen nehmen. Es gibt auch viel Arbeit hier in England für Menschen wie Sie.« Er dachte nach. »Haben Sie schon Pläne für die nächste Zeit?«
    »Nein«, sagte sie.
    Er warf einen Blick in ihre Papiere. »Wie ich sehe, waren Sie in — hm — Stellung, bevor Sie...«
    Ihre Augen hoben sich sehr plötzlich und trafen die seinen. »Ich werde auf keinen Fall wieder Stubenmädchen, solange es noch irgendeinen anderen Weg gibt«, erwiderte sie schnell.
    »Nun, das verstehe ich.« Er überlegte einen Augenblick. »Es gibt noch einen anderen Weg. Sie könnten uns helfen,

Weitere Kostenlose Bücher

Der Stern von Yucatan
Der Stern von Yucatan von Debbie Macomber
Wild und gefaehrlich
Wild und gefaehrlich von Cecily von Ziegesar