Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Eine Stuermische Nacht

Eine Stuermische Nacht

Titel: Eine Stuermische Nacht
Autoren: authors_sort
Ads
Kapitel 1
    Ich werde sterben, schoss es Barnaby ungläubig durch den Kopf. Er würde in dieser Nacht, mitten in einem Unwetter, das über dem Ärmelkanal tobte, sterben, und niemand würde je erfahren, was dem jüngsten Inhaber des Titels »Viscount Joslyn« zugestoßen war. Er würde einfach spurlos verschwunden sein.
    Ein grellsilberner Blitz zuckte über den schwarzen Nachthimmel. Im heftigen Regen blickte Barnaby sich verzweifelt um, versuchte sich zu orientieren, suchte nach etwas, das er benutzen konnte, um sich zu retten. Aber alles, was er sehen konnte, war die wogende See. Es gab kein Land oder Rettungszeichen zu entdecken. Ich werde sterben , dachte er wieder, als die plötzliche Helle wieder verschwand und er allein in der undurchdringlichen Dunkelheit zurückblieb. Er kämpfte darum, sich in dem aufgewühlten Meer über Wasser zu halten, und gestand sich ein, dass die Nachricht von seinem Tod in London durchaus nicht nur mit Trauer aufgenommen werden würde. Und ganz an der Spitze dieser Liste mit Menschen, die ihm keine Träne nachweinen würden, stand sein Cousin Mathew Joslyn, den er erst vor Kurzem kennengelernt hatte.
    Mathew war wütend gewesen, dass der Titel, von dem er viele Jahre geglaubt hatte, er werde einmal ihm zufallen, nun plötzlich einem Amerikaner gehören sollte, zusammen mit dem Vermögen und den Ländereien der Joslyns.
    »Ein verdammter Kolonist, ein Halbblut … und der soll der neue Viscount Joslyn sein? Das ist eine Beleidigung!«, hatte ihm Mathew bei ihrer ersten Begegnung vor drei Monaten an einem Oktobervormittag in den Londoner Räumen des Notars entgegengeschleudert.
    Barnaby machte Mathew keinen Vorwurf daraus, dass er sich ärgerte. An Mathews Stelle hätte er ganz ähnlich empfunden, aber er war nicht bereit, die Beleidigung durchgehen zu lassen.
    »Sie irren«, hatte Barnaby gedehnt erwidert.
    »Es war meine Großmutter, die zur Hälfte Cherokee war.« Er lächelte und zeigte dabei seine ausgezeichneten Zähne.
    »Aber ich warne Sie – es wäre klug, diese Bezeichnung nicht noch einmal in meiner Hörweite zu äußern. Was den Umstand angeht, dass ich Kolonist bin …«, seine schwarzen Augen blickten spöttisch, während er weitersprach, »ich denke, Sie vergessen, dass Amerika die Unabhängigkeit von Britannien vor mehr als einem Jahrzehnt errungen hat. Ich bin daher Bürger der Vereinigten Staaten.«
    »Nun gut«, hatte Mathew ihm knapp entgegnet, wobei in seine Wangen eine leichte Röte gestiegen war, »aber es ist schlicht nicht hinnehmbar, dass jemand wie Sie sich einbildet, er könne so mir nichts dir nichts hier aufkreuzen und die Verwaltung der Ländereien meines Großonkels übernehmen. Gütiger Himmel, Mann, Sie wissen nicht das Geringste darüber, wie man einen Besitz wie Windmere führt. Sie sind kaum mehr als ein hinterwäldlerischer Emporkömmling!«
    Barnaby gelang es, sich zu beherrschen, indem er sich sagte, dass es nicht hilfreich wäre, wenn seine erste Tat als Viscount Joslyn darin bestünde, seinen Cousin zu erwürgen. So atmete er tief durch, ließ die Bemerkung durchgehen und antwortete höflich:
    »Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass ich keineswegs ungebildet bin und seit mehreren Jahren meine eigene Plantage in Virginia führe. Ich räume ein, Green Hill ist nicht so weitläufig wie Windmere – es wird Unterschiede geben, aber ich bin imstande, Windmere zu leiten.«
    Mathews Lippen wurden schmal.
    »Vielleicht, aber Sie sind ein Narr, wenn Sie sich einbilden, dass jemand mit einer Großmutter, die eine halbe Wil… äh, zum Teil indianisches Blut in den Adern hat, von der guten Gesellschaft ohne Weiteres und mit offenen Armen als Viscount Joslyn aufgenommen wird.«
    »Unter Berücksichtigung der Lage in Frankreich sollten Sie sich vermutlich mehr Sorgen wegen der Tatsache machen, dass der Vater meiner Großmutter ein Franzose war«, entgegnete Barnaby. Die entsetzten Mienen der Anwesenden bei dieser neuerlichen Ungeheuerlichkeit sorgten dafür, dass Barnaby sich auf die Innenseiten der Wangen beißen musste, um nicht zu grinsen. Sein Blick glitt durch den hübschen Raum, und da seine Gegner für den Moment zum Schweigen gebracht waren, erhob er sich zu seiner beeindruckenden Größe und ging zur Tür. Seine Hand ruhte bereits auf der Türklinke, als er sich noch einmal zu Mathew umdrehte und leise sagte:
    »Emporkömmling mag ich sein, aber ich habe nie im Hinterland gelebt, und Sie, Sir, können zur Hölle gehen – und meinetwegen

Weitere Kostenlose Bücher

Golem stiller Bruder
Golem stiller Bruder von Mirjam Pressler
Der Wissenschaftswahn
Der Wissenschaftswahn von Rupert Sheldrake