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Eine Katze im Wolfspelz

Eine Katze im Wolfspelz

Titel: Eine Katze im Wolfspelz
Autoren: Lydia Adamson
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1
    Warum flüsterte die Frau eigentlich?
    Ich war schon ungefähr zwanzig Minuten in der Wohnung der Salzmans, als mir endlich auffiel, daß Mrs. Salzman sich seit dem Augenblick, in dem ich ihr Apartment betreten hatte, ausschließlich im Flüsterton mit mir unterhalten hatte. Und ich hatte genauso leise geantwortet. Unser gesamtes Gespräch wurde flüsternd geführt.
    Ich war gekommen, um mich als Catsitterin vorzustellen. Mrs. Salzman brauchte jemanden, der sich an drei Vormittagen in der Woche um ihren Kater kümmerte, während sie sich in einem anderen Bundesstaat einer medizinischen Behandlung unterzog. Mit anderen Worten, sie würde nicht zu Hause sein, und der Kater mußte versorgt werden. Um was für eine Art von Behandlung es sich handelte, wurde nicht erwähnt und auch nicht, wo sich Mr. Salzman aufhielt, falls es diesen Herrn überhaupt gab.
    Der Kater hieß Abaelard.
    Als sie mir den Namen des Tieres nannte, hatte ich plötzlich das Gefühl, daß Mrs. Salzman nicht ganz richtig im Kopf war. Ich stellte mir vor, daß die arme Frau den Kater hatte kastrieren lassen und jetzt die fixe Idee hatte, das sei wegen seiner Liebe zu Héloise geschehen. Vielleicht lebte sie eine romantische mittelalterliche Kastrations-Geschichte aus. Aber diese Gedanken verflogen ebenso schnell, wie sie gekommen waren; das war wieder einmal nur eine meiner theatralischen Phantasievorstellungen - eine Berufskrankheit bei Schauspielern.
    Mrs. Salzman fuhr fort, mir im Flüsterton die positiven Eigenschaften ihres Katers zu schildern.
    Aber es gab da ein Problem: Wo war das Tier?
    Ich konnte es nicht sehen.
    »Abaelard ist sehr menschenscheu«, sagte Mrs. Salzman, und das war der erste vernünftige Satz, den sie in der ganzen Flüsterunterhaltung von sich gab.
    Mrs. Salzman lebte in einer sehr bemerkenswert eingerichteten Wohnung in der East Thirty-seventh Street in Manhattan. Die Möbel - und das waren nicht wenige - standen an den Wänden aufgereiht wie Zinnsoldaten. Abaelard konnte unter jedem dieser Gegenstände sein.
    Wenn ich den Kater schon nicht sehen konnte, vielleicht konnte ich ihn ja hören - das Tapsen seiner Pfoten oder irgendeine andere Bewegung. Vielleicht war das der Grund für Mrs. Salzmans Flüstern; sie sprach so leise, damit man ihn hören konnte.
    »Ich bin so glücklich, daß ich Abaelard der Obhut einer professionellen Catsitterin anvertrauen kann«, sagte Mrs. Salzman leise.
    Ich brach in ziemlich lautes Gelächter aus. Ich war machtlos dagegen. Mrs. Salzman schreckte zurück und strich sich mechanisch mit der Hand über die Haare. Sie war eine sehr sorgfältig gekleidete Frau, wenn man einmal von ihren grellgrünen Lederschuhen absah.
    Ich konnte ihr unmöglich erklären, warum ihre Bemerkung mich derartig belustigte. Aber nur zwei Stunden bevor ich zu Mrs. Salzman in ihre Wohnung gekommen war, hatte ich eine kurze Notiz über mich in der Stadtteilzeitung Our Town gelesen. Der Klatschspaltenschreiber berichtete, daß ich in diesem Viertel wohnte, und fuhr fort: »Die hochgewachsene, langhaarige und immer noch sehr attraktive Alice Nestleton ist von den nahezu unbekannten Schauspielerinnen eine der Besten. Ihre geringe Popularität verdankt sie ihrer Vorliebe für obskure Rollen in noch obskureren Off-Off-Broadway-Stücken.«
    Dann fügte der Schreiberling noch hinzu: »Alice Nestleton war lange eine Kultfigur bei Theaterfans.«
    Dieser Kommentar war völlig absurd. Wo sollten diese »Theaterfans« denn sein? In dem Supermarkt auf der Third Avenue? Mir war nie auch nur ein einziger über den Weg gelaufen.
    Ich erwähne diese lächerliche Beschreibung auch nur, weil diese mich eben nicht belustigte. Aber sie bereitete den Boden für das Kommende vor. Denn als Mrs. Salzman mich zwei Stunden später als »professionelle Catsitterin« bezeichnete, war das Maß voll, und ich lachte aus vollem Halse.
    Mrs. Salzman brauchte nicht lange, um mir meinen Ausbruch zu verzeihen. Sie führte mich in ihrer vollgestellten Wohnung herum. Sie zeigte mir, wo sich das Katzenfutter, die Gießkanne, die Liste mit Telefonnummern für den Notfall und einige andere wichtige Dinge befanden.
    Und immer noch war von Abaelard nichts zu sehen.
    »Was für ein Kater ist Abaelard denn?« fragte ich.
    »Ein sehr lieber Kater«, antwortete Mrs. Salzman, die offenbar dachte, ich würde nach seinem Charakter und nicht nach seiner Rasse fragen.
    »Was für eine Farbe hat Abaelard«, insistierte ich.
    Sie zögerte ein wenig, neigte den Kopf zur

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