Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Eine Hochzeit im Dezember: Roman (German Edition)

Eine Hochzeit im Dezember: Roman (German Edition)

Titel: Eine Hochzeit im Dezember: Roman (German Edition)
Autoren: Anita Shreve
Ads
» DIE GLETSCHER gehen zurück«, sagte Nora. Sie schaute angestrengt zum Fenster hinaus, als könnte sie das Zurückweichen der Gletscher, mehr als zehntausend Kilometer entfernt, erkennen. »Ich habe es in der Zeitung gelesen. Heute morgen.«
    Der Blick fiel, wie Harrison bemerkt hatte, bevor er sich setzte, auf noch grünen Rasen und Rosenstauden im Winterschlaf, einen schmiedeeisernen Zaun und eine Gartenbank, Ziergräser und Weymouth-Kiefern. Hinter dem großen Grundstück glänzte das stählerne Band eines Flusses, und dahinter ragten die Berge im blaugrauen Morgenlicht auf.
    »Das muß die Vögel doch durcheinanderbringen«, sagte er.
    »Tut es. Ich – ich sehe sie immer nach Norden fliegen.«
    »Ist es schlecht fürs Geschäft?«
    »Nein. Eigentlich nicht. Es hat keine Absagen gegeben. Die Skigebiete leiden allerdings.«
    Nora trat vom Fenster weg und setzte sich in den Sessel gegenüber. Der Aufschlag ihrer Hose rutschte bis knapp über den Rand eines schwarzen Lederstiefels hinauf und enthüllte einen schmalen Ring weißer Haut. Harrison ließ die Erinnerung an das Mädchen von einst, ein Mädchen mit weichem Gesicht, großen mandelförmigen Augen und anmutigen Bewegungen, hinter das Bild der Frau zurücktreten, die er jetzt vor sich sah. Sie war vierundvierzig, und ihre Züge waren nicht mehr so weich. Sie trug das Haar jetzt kurz, hinter die Ohren gestrichen, ein Schnitt, der eher europäisch als amerikanisch anmutete.
    Als sie sich vor wenigen Augenblicken im Vestibül wiedergesehen hatten, hatte Nora an einem kleinen Empfangstisch gestanden. Bei Harrisons Erscheinen hatte sie aufgeblickt und ihn einen Moment lang prüfend angesehen, wie etwa ein Hotelier einen Gast ansieht, um den sich noch niemand gekümmert hat. Harrison , sagte sie dann und kam auf ihn zu, und er begann zu lächeln. Er fühlte sich schwach, als Nora ihn umarmte, und zugleich heftig bewegt – ein Korken, der in namenlosen Gewässern treibt.
    »Dein – dein Zimmer ist in Ordnung?« fragte sie.
    Er erinnerte sich an dieses leichte Stottern, als zögerte sie zu sprechen. Nein, kein Stottern; mehr ein stockender Ansatz.
    »Wunderbar«, sagte er. »Herrliche Aussicht.«
    »Kann ich dir irgend etwas bringen? Einen Tee? Oder Kaffee?«
    »Kaffee wäre schön. Das ist ja eine tolle Maschine.«
    »Sie macht Espresso mit viel Schaum.« Sie stand auf. »Eine richtige Attraktion. Ich hatte schon Gäste, die sagten, sie wären nur wegen des Kaffees in der Bibliothek wiedergekommen. Ach ja, und wegen des Speisenaufzugs. Ich habe den Speisesaal oben einrichten lassen. Damit man den Rundblick genießen kann.«
    Zu beiden Seiten der Bücherregale waren Halbsäulen und unter den Regalen Schränke. An einer Wand stand eine eingebaute Sitzbank mit flechtengrünem Streifenbezug. Die Fenster – drei nebeneinander, nach Westen gehend – waren nur oben unterteilt, so daß Harrison von dem Ledersofa aus, auf dem er saß, freien Blick auf die Berge hatte.
    »Wie lange ist das Haus schon Gasthof?«
    »Seit zwei Jahren.«
    »Es hat mich traurig gemacht, als ich vom Tod deines Mannes hörte.«
    »Du hast eine Karte geschickt.«
    Er nickte, erstaunt, daß sie sich daran erinnerte. Es waren doch bestimmte Hunderte, vielleicht Tausende von Karten gekommen zum Tod eines so berühmten Mannes.
    »Alles renoviert«, sagte sie mit einer Geste, als wollte sie das ganze Haus umfassen. »Es mußte eine Menge renoviert werden.«
    »Du hast das großartig gemacht«, erwiderte er, etwas irritiert von der Sprunghaftigkeit der Bemerkung.
    Harrison war von der Ortsmitte aus den Wegweisern zum Gasthof gefolgt und die lange Steigung zur Höhe des Hügels hinaufgefahren. Als er den Parkplatz erreichte, öffnete sich der Blick auf die Berkshire Hills, und ihm stockte der Atem – wie früher dem kleinen Jungen vor der Cinerama-Leinwand, wenn die Kamera eine Steilwand hinaufglitt und über sie hinwegschwenkte, um dann den Grand Canyon oder das Rift Valley oder die Eisfelder der Antarktis zu offenbaren.
    Er war mit seinem Koffer zur Vortreppe gegangen und hatte auf dem Weg die zurückgeschnittenen Büsche, die sauber geharkten Rasenflächen und die fachmännisch gestutzten Hecken eines Irrgartens registriert, der möglicherweise etwas von seinem Reiz eingebüßt hatte. Das Haus war mit weißen Holzschindeln verkleidet und mit Schindeln gedeckt und hatte einen leicht vornübergeneigten Schornstein. Die schmucklosen Fenster glänzten im Morgenlicht. Wie viele um die Jahrhundertwende

Weitere Kostenlose Bücher

Nightrise
Nightrise von Anthony Horowitz
Ketzer
Ketzer von Stephanie Parris