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Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Titel: Eine Geschichte von Liebe und Feuer
Autoren: Victoria Hislop
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tenduft erfüllte selbst dann noch die Luft, wenn die Händler längst eingepackt hatten und nach Hause gegangen waren. Und in den langen Alleen spendeten blühende Orangenbäume nicht nur Schatten, sondern verströmten ihren betörenden Wohlgeruch. Bei vielen Häusern rankte sich Jasmin um die Türen, und seine Blütenblätter bedeckten die Straßen wie Schnee. Zu allen Tageszeiten erfüllten Küchendüfte die Luft und vermengten sich mit dem Aroma von geröstetem Kaffee, der in den Gassen auf kleinen Öfen zubereitet wurde. Auf den Märkten wurden, zu Pyramiden gehäuft, leuchtend bunte Gewürzpulver feilgeboten, und über den Wasserpfeifen, die Gäste vor den Cafés rauchten, kräuselten sich aromatische Wölkchen.
    Thessaloniki war im Moment der Sitz einer provisori schen Regierung unter Leitung des früheren Premierministers Eleftherios Venizelos. Doch eine tiefe Kluft zwischen den Anhängern des pro-deutschen Monarchen Konstantin und den Unterstützern des Liberalen Venizelos spaltete das Land. Da Letzterer den Norden Griechenlands kontrollierte, lagen alliierte Truppen vor der Stadt, um gegen Bulgarien vorzugehen, falls es nötig erscheinen sollte. Doch trotz dieses entfernten Donnergrollens blieb das Leben der meisten Einwohner vom Weltkrieg unberührt. Für einige bot er sogar die Chance, weiteren Reichtum anzuhäufen.
    Zu dieser Gruppe gehörte Konstantinos Komninos, der an diesem wundervollen Morgen in seiner üblich hoheitsvollen Art durch die Hafenanlagen schritt. Er war hergekommen, um sich nach der Ankunft einer Tuchladung zu erkundigen, und Träger, Bettler und Jungen mit Handkarren wichen zur Seite, als er direkt auf den Ausgang zusteuerte. Er war nicht gerade bekannt für seine Duldsamkeit gegenüber Leuten, die ihm im Weg standen.
    Seine Schuhe waren staubig, zudem klebte ein Klumpen frischer Mauleseldung an seinem Absatz, und als Komninos bei seinem üblichen Schuhputzer vor dem Zollgebäude haltmachte, hatte der Mann mindestens zehn Minuten zu tun.
    Er war gut über siebzig, seine Haut so dunkel und ledern wie das Schuhwerk, das er putzte, und kümmerte sich schon seit dreißig Jahren um Konstantinos Komninos’ Schuhe. Sie nickten sich gegenseitig zu, aber keiner sagte ein Wort. Das war typisch für Komninos. Alltägliche Verrichtungen wurden bei ihm wortlos erledigt. Der alte Mann reinigte das Leder, trug Creme auf, arbeitete sie ein und bürstete die teuren Halbschuhe schließlich mit weit ausholenden Bewegungen beider Arme, als dirigierte er ein Orchester.
    Noch bevor die Arbeit beendet war, hörte er das Klimpern einer Münze in seiner Schale. Es war immer derselbe Betrag, nie mehr und nie weniger.
    Wie jeden Tag trug Konstantinos Komninos einen dunklen Anzug und legte trotz der zunehmenden Hitze das Jackett nicht ab. Solche Gewohnheiten waren Ausdruck seines sozialen Standes. In Hemdsärmeln seinen Geschäften nachzugehen war genauso undenkbar wie vor einer Schlacht die Rüstung abzulegen. Was korrekte Kleidung anging, kannte er sich aus, denn dieses Wissen hatte ihn reich gemacht. Anzüge verliehen einem Mann Status und Würde, und gut geschnittene Kleider im europäischen Stil einer Frau Eleganz und Chic.
    Flüchtig erhaschte der Tuchhändler einen Blick auf sein Spiegelbild im Schaufenster eines der neuen Kaufhäuser, und der schattenhafte Eindruck genügte, um ihn daran zu erinnern, dass ein Friseurbesuch anstand. Er machte einen Umweg in eine der Seitenstraßen und saß bald darauf bequem in einem Stuhl, wo er erst eingeschäumt und anschließend jeder Zentimeter seines Gesichts, außer dem Schnurrbart, glatt rasiert wurde. Dann wurde sein Haar aufs Sorgfältigste geschnitten, sodass die Lücke zwischen Kragenrand und Haaren exakt zwei Millimeter betrug. Mit einigem Unmut bemerkte Komninos, dass sich in den kleinen Büscheln, die der Friseur von seiner Schere blies, ein paar silbrige Fäden befanden.
    Bevor er sich schließlich auf den Weg zu seinem Verkaufs raum machte, setzte er sich eine Weile an einen kleinen Kaffee haustisch, wo ihm ein Kellner Kaffee und seine bevorzugte Zeitung, die rechtsgerichtete Makedonia , brachte. Schnell ging er die Nachrichten durch und informierte sich über die neuesten politischen Entwicklungen in Griechenland, bevor er die Schlagzeilen über den militärischen Verlauf in Frankreich überflog.

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