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Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Titel: Eine Geschichte von Liebe und Feuer
Autoren: Victoria Hislop
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Straße. Die Leute sind einfach furchtbar rücksichtslos.«
    Â»Alles in Ordnung, Mitsos?«, fragte seine Großmutter. »Du wirkst ein bisschen still.«
    Â»Mir geht’s gut. Ich denke bloß über etwas nach, was er gesagt hat …«, antwortete er. »Er liebt diese Stadt so sehr, obwohl es doch ziemlich schwer hier für ihn sein muss.«
    Â»Das können wir nachfühlen, nicht wahr, Katerina?«, erwiderte sein Großvater. »Diese verrotteten Gehsteige sind schwierig für uns, und keiner unternimmt was dagegen, trotz der Wahlversprechen.«
    Â»Warum bleibt ihr dann?«, fragte Mitsos. »Ihr wisst doch, wie sehr Mum und Dad sich wünschen, dass ihr nach London kommt und bei uns lebt. Das Leben dort wäre so viel leichter für euch.«
    Das alte Ehepaar hatte sowohl Einladungen vom Sohn, der im grünen Highgate wohnte, als auch von der Tochter, die in den Staaten in einem reichen Bostoner Vorort lebte, aber irgendetwas hielt die beiden ab, sich für ein bequemeres Leben zu entscheiden. Mitsos hatte seine Eltern oft darüber sprechen hören.
    Katerina warf einen kurzen Blick auf ihren Mann.
    Â»Selbst wenn man uns so viele Diamanten schenkte, wie Tropfen in diesem Meer sind, gibt es nichts, was uns dazu brächte, von hier wegzugehen!«, sagte sie und ergriff die Hand ihres Enkels. »Wir werden in Thessaloniki bleiben, bis wir sterben.«
    Der junge Mann fühlte sich völlig überrumpelt von der Wucht dieser Worte. Katerinas Augen blitzten kurz auf, dann füllten sie sich mit Tränen. Eine Weile saßen sie schweigend da, und Mitsos sah seine Großmutter verwundert an. Nie hätte er einen solchen Ausbruch bei ihr für möglich gehalten, nie hatte er etwas anderes in ihr gesehen als eine freundliche alte Frau von sanfter Wesensart, die wie die meis ten griechischen Frauen ihres Alters ihrem Ehemann das Wort überließ.
    Schließlich brach sein Großvater das Schweigen.
    Â»Wir haben unsere Kinder ermutigt, für ihre Ausbildung ins Ausland zu gehen«, sagte er. »Damals war das die richtige Entscheidung, aber wir hofften natürlich, sie würden irgendwann zurückkommen. Stattdessen sind sie für immer fortgeblieben.«
    Â»Ich wusste nicht …«, sagte Mitsos und drückte die Hand seiner Großmutter. »Ich wusste nicht, wie es für euch gewesen ist. Dad hat einmal erwähnt, weshalb ihr ihn und Tante Olga weggeschickt habt, aber ich kenne die ganze Geschichte nicht. Hatte es mit dem Bürgerkrieg zu tun?«
    Â»Ja, zum Teil«, sagte sein Großvater. »Vielleicht ist es an der Zeit, dir mehr zu erzählen. Das heißt, wenn es dich überhaupt interessiert …?«
    Â»Natürlich interessiert es mich!«, erwiderte Mitsos. »Ich weiß doch so gut wie nichts über den Hintergrund meines Vaters, und wann immer ich nachfrage, bekomme ich nur ausweichende Antworten. Dabei bin ich jetzt doch wohl alt genug für die Wahrheit, oder?«
    Seine Großeltern sahen sich an.
    Â»Was meinst du, Katerina?«, fragte der alte Mann.
    Â»Ich finde, er sollte uns helfen, das Gemüse heimzutragen, damit ich ihm seine geliebten gemista zum Mittagessen zubereiten kann«, sagte Katerina fröhlich. »Wie wär’s damit, Mitsos?«
    Sie gingen durch eine Gasse, die vom Meer wegführte, und nahmen dann eine Abkürzung durch die Altstadt zum Kapani-Markt.
    Â»Vorsicht, yiayia «, sagte Mitsos, als sie an die Stände traten, wo verfaulte Obstreste und Gemüseabfälle am Boden lagen.
    Sie kauften glänzend rote Paprika, Tomaten, rund wie Tennisbälle, feste weiße Zwiebeln und dunkelviolette Auberginen. Oben auf die Einkaufstüte legte der Händler einen Bund Koriander, dessen Duft die ganze Straße zu erfüllen schien. All diese Zutaten sahen so verlockend aus, dass man sie auf der Stelle hätte roh verspeisen können, aber seine Großmutter würde daraus das wohlschmeckende Gericht zubereiten, das er so sehr liebte. Sein Magen begann zu knurren.
    An den Ständen, wo Fleisch verkauft wurde, war der Boden glitschig vom Blut, das von den Hackblöcken tropfte. Sie wurden von ihrem Metzger wie Familienangehörige begrüßt, und Katerina bekam einen der Schafsköpfe, die sie aus einer Wanne anstarrten.
    Â»Warum kaufst du den, yiayia ?«
    Â»Für die Brühe«, antwortete sie. »Und ein Kilo Kutteln, bitte.«
    Später

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