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Eine Frau geht ihren Weg

Eine Frau geht ihren Weg

Titel: Eine Frau geht ihren Weg
Autoren: Julia Howard
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1. KAPITEL
    „Er kann euch doch nicht einfach entlassen, schließlich arbeitet ihr für mich!” Sybil Pagel war wütend. Zwar kam diese Maßnahme für sie nicht gänzlich unerwartet, aber das milderte keineswegs ihren Zorn gegen Daniel Huntingdon. Wie konnte er es wagen, zwei ihrer fähigsten Angestellten, die sie eigens für das Southey-Projekt bestimmt hatte, derart geringschätzig zu behandeln. Es sah zunächst nach einem glänzenden Erfolg aus, als Sybil ihrer kleinen Firma für Unternehmensberatung den Vertrag mit Southey sichern konnte. Doch inzwischen fragte sich Sybil, was sie damit tatsächlich erreicht hatte. Gloria und Steve waren erst seit einem Monat an diesem Projekt tätig, da wurde Southey überraschend von dem Industriekonzern Essco aufgekauft. Und nun verweigerte der neue Geschäftsführer, Daniel Huntingdon, die Zusammenarbeit mit ihren zwei besten Leuten.
    „Nein, entlassen kann er uns natürlich nicht. Er meinte nur, er hätte keine Verwendung mehr für uns, was aber auf dasselbe hinausläuft”, erwiderte Gloria Larson.
    „Gloria, du und Steve seit Pagel Associates beste Unternehmensberater. Du weißt doch, wie sich nach einer Geschäftsübernahme neue Direktoren gewöhnlich aufspielen. Also nimm Huntingdons Verhalten bitte nicht persönlich. Am besten kümmerst du dich zusammen mit Steve um das Wilson-Projekt, und ich übernehme Southey. Ich werde diesem Mr. Huntingdon einen kurzen Besuch abstatten, und zwar auf der Stelle.”
    Nachdem Gloria erleichtert ihr Büro verlassen hatte, trommelte Sybil ungeduldig mit ihrem Bleistift auf die Schreibtischplatte, brach dann unvermittelt ab und drückte entschlossen auf einen Knopf ihrer Sprechanlage.
    „Mary”, wies sie ihre Sekretärin an, „rufen Sie bitte die Firma Southey an und verabreden Sie einen Termin mit Daniel Huntingdon. Ich will ihn sofort sprechen.”
    Eine Stunde später stand Sybil mit angriffslustig vorgerecktem Kinn im Aufzug des Bürohochhauses der Firma Southey Manufacturing in der Innenstadt von San Diego. Ihre Empörung hatte sich in der Zwischenzeit keineswegs gelegt. Im Gegenteil. Sybil war wild entschlossen, diesem neuen Geschäftsführer gründlich die Meinung zu sagen. Sie durfte es einfach nicht zulassen, dass dieser Mann so mit ihren Angestellten umsprang.
    Die Aufzugstüren im vierten Stock öffneten sich. Sybil eilte so forsch hinaus, dass sie mit einem Mann zusammenstieß, der gerade den Aufzug betreten wollte. „Entschuldigen Sie”, sagte sie, während sie ihm einen abwesenden Blick zuwarf. Ungeduldig strich sich Sybil die hellbraunen Locken aus der Stirn und wollte bereits an ihm vorbeigehen. Aber wie angewurzelt blieb sie plötzlich stehen. War das nicht Daniel Huntingdon? Genauso hatten ihn doch Gloria und Steve beschrieben.
    Sofort war Sybil ganz Geschäftsfrau. Obwohl sie gut zehn Zentimeter kleiner war als der hünenhafte blonde Mann, baute sie sich vor ihm auf und sah ihm unerschrocken ins Gesicht.
    „Mr. Huntingdon, ich bin Sybil Pagel. Ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen.” Dabei blickte sie ihm unverwandt in die blauen Augen und streckte ihre Hand aus.
    Sein Händedruck war fest und sein Blick nicht etwa ärgerlich oder ausweichend, wie sie es erwartet hatte, sondern ungeduldig. Sybil verspürte plötzlich ein flaues Gefühl in der Magengrube. Im selben Moment entdeckte sie auch die drei Männer, die hinter Daniel Huntingdon standen. Wie langweilig und nichtssagend sie doch wirken, verglichen mit der überwältigenden Ausstrahlung Daniel Huntingdons, ging es Sybil durch den Kopf.
    Überwältigende Ausstrahlung? Selbstverständlich übt sie auf mich keine Wirkung aus, beeilte sich Sybil im stillen hinzuzufügen.
    Ihr Blick kehrte zu Daniel Huntingdon zurück, und sie glaubte, einen überraschten Ausdruck in seinen Augen zu erkennen. Bestimmt hatte er die Verabredung mit ihr vergessen.
    Ich rate Ihnen nicht, mich zu unterschätzen, Daniel Huntingdon, dachte Sybil erbost, ohne sich jedoch ihre Verstimmung anmerken zu lassen. Betont freundlich wandte sie sich an ihn. „Darf ich Sie daran erinnern, dass wir für halb elf einen Besprechungstermin miteinander hatten?”
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    „Ich war gerade auf dem Weg zu dieser Verabredung”, erwiderte er irritiert, wobei er die drei Männer mit einem warnenden Blick davon abhielt, seiner Behauptung zu widersprechen.
    „Tatsächlich? Man hat mich aber ins Konferenzzimmer im vierten Stock gebeten, und das liegt meines Wissens am Ende dieses Ganges.”

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