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Ein Sommer unwahrscheinlichen Gluecks

Ein Sommer unwahrscheinlichen Gluecks

Titel: Ein Sommer unwahrscheinlichen Gluecks
Autoren: Laura Mundson
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Schlaflos in Montana
    5 Uhr morgens.
Sommer. Montana.

    Im Moment bin ich seltsam gelassen. Genau genommen war ich vielleicht sogar noch nie in meinem Leben so ruhig. Oder befreit. Oder mir so sicher, dass bestimmte Dinge nun einmal so sein sollen, wie sie sind, und man selbst eine ganz simple Entscheidung treffen kann: das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Auch wenn es mitunter schier unerträglich daherkommt, oder vor allem dann. Auch und vor allem dann, wenn etwa mein Ehemann am Abend zuvor rausgegangen ist, um den Müll wegzubringen, nachdem er erklärt hat, er sei sich nicht sicher, ob er mich noch liebe … und neun Stunden später noch immer nicht zurück ist.
    Man würde wohl vermuten, dass ich jetzt großen Schmerz empfinde. Vielleicht sogar Panik. Aber ich habe mich für etwas anderes entschieden. Ich habe mich entschieden, nicht mehr zu leiden.
    Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Wie ist das möglich?
    Lassen Sie mich Ihnen zunächst von meinem Nachttisch erzählen, auf dem sich gegenwärtig ein bedenklich
schräger Stapel von Büchern befindet, die ich gelegentlich verschlinge. Denn in ihnen steht alles darüber: innerer Frieden, Harmonie, Liebe, nicht Leiden, Freiheit … von Buddha bis Jesus, von den Sufis über christliche Mystiker bis hin zu Dr. Seuss und darüber hinaus. (Ich war schon immer auf der Suche nach Weisheit. Und ich bin nicht wählerisch, was ihre Herkunft angeht.) All diese Autoren und Bücher verweisen auf jene simple Wahrheit. Oder man könnte sogar sagen, sie proklamieren sie: Das Leiden hat ein Ende, sobald man aufhört zu wollen. Einfach aufhört zu wollen.
    Das habe ich schon Hunderte Male gelesen, in unterschiedlichen Formulierungen, eigentlich schon seit ich mir vor langer Zeit zum ersten Mal Gedanken zum Thema Metaphysik machte. Aber bis zu dieser Sekunde (und so passieren solche Dinge letztlich doch – innerhalb eines Wimpernschlags) habe ich mir immer wieder eine blutige Nase geholt. Denn trotz dieses ganzen Arsenals an Weisheit ist es mir nie gelungen zu begreifen, wie ich etwas nicht wollen sollte.
    Wie zum Beispiel sollte ich jetzt nicht wollen, dass mein Mann durch die Tür kommt und mir eine umwerfende Geschichte darüber erzählt, wie er die ganze Nacht bei den Mülltonnen zugebracht hat und himmlische Heere, untermalt von Engelschören, zu ihm gesprochen haben? Er habe eine Offenbarung erlebt, die ihm die Erkenntnis beschere, die auch ich soeben erfahren hätte. Wir wären beide von demselben seltsamen Engel berührt worden, der uns Einblick in die Geheimnisse des Universums gewährte:
    Leiden ist Mist. Mach das nicht. Geh nach Hause und liebe deine Ehefrau. Geh nach Hause und liebe dich selbst. Geh nach Hause und gründe dein Glück auf eine und nur auf diese einzige Sache: Freiheit. Entscheide dich für die Freiheit und gegen das Leid. Lebe ein Leben, das nicht vom Wollen
geprägt ist, sondern von Freiheit. Koch einen richtig guten Kaffee und lausche den Singvögeln im Sumpf. Ignorier die Mücken.
    Aber mein Mann kommt nicht nach Hause. Er ruft nicht an. Er geht nicht an sein Handy. Und ich übe mich in dieser lachhaften »Seligkeit«.

    Die wahrscheinlich weisesten Worte, die man mir jemals gesagt hat, kamen aus dem Mund einer Therapeutin. Ich saß in ihrer Praxis, weinte mir die Augen aus dem Kopf wegen meiner erfolglosen Karriere als Schriftstellerin und dem Stress meines Mannes in seinem Job. Da sagte sie: »Lassen Sie mich das noch mal zusammenfassen. Sie wollen ihr persönliches Glück auf Dinge gründen, die gänzlich außerhalb Ihres Einflusses stehen?«
    »Ja. Ich schätze schon. Wenn Sie das so formulieren wollen«, stimmte ich zu. »Ich schreibe doch keine Romane, damit sie nicht veröffentlicht werden. Vierzehn sind es jetzt an der Zahl – mein halbes Leben habe ich dafür gebraucht! Und ich ziehe doch keine Kinder groß – es sind zwei, ein Mädchen von zwölf Jahren und ein Junge von acht –, lege mein ganzes Herz in jede Faser ihres Wesens, um dann nicht dafür sorgen zu wollen, dass sie gesund und glücklich sind, dass sie nirgends der Schuh drückt und sie ein schönes Leben haben. Genauso wenig bin ich verheiratet – mit ein und demselben Mann, für den ich seit meinem letzten Jahr am College schwärme –, um dann mein Leben in Einsamkeit zu fristen. Und nichts davon kann ich beeinflussen. Aber ich möchte natürlich, dass alles gut wird. Und ich müsste lügen, wenn ich Ihnen sagen würde: Ich glaube nicht, dass Erfolg in diesen Bereichen mich

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