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Ein Mann ein Mord

Ein Mann ein Mord

Titel: Ein Mann ein Mord
Autoren: Jakob Arjouni
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1
    Ich saß am Schreibtisch, kritzelte meine Gladbacher Mannschaftsaufstellung für ein Spiel im Jenseits in den Kalender und langweilte mich mit Herrn Kunze.
     
    Borussia im Himmel:
     
    Kleff
    Hannes
    Vogts             Frontzeck
    Stielike
    Bonhof             Simonsen
    Netzer
    Heynckes   Jensen    Laumen
     
    Herr Kunze war mein Vermieter. Durch den Hörer rechnete er mir vor, weshalb die Miete ab nächsten Monat erhöht werden müßte - um dreißig Prozent - und warum das Leben kein Zuckerschlecken sei. »Frau und Kinder«, stöhnte es aus der Muschel, und ich setzte Sieloff, Mill, Kamps und mich auf die Ersatzbank, Weisweiler auf eine Wolke. Dann unterbrach ich. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Kunze, bin ich für Sie der beste Mieter auf der Welt, und am liebsten würden Sie mir was draufzahlen, damit ich das Büro behalte. Auf der anderen Seite kann Ihre Frau mit weniger als zehn Pelzen nicht leben, ohne daß sie Migräne bekommt und Ihnen die Hölle heiß macht. Schön, jeder muß sehen, wo er bleibt. Trotzdem finde ich tausend Mark für ein Zimmer mit Waschbecken und regelmäßigem Stromausfall übertrieben.«
    »Völlig Ihrer Meinung, mein Lieber, völlig! Ich sage immer, Arbeitsplatzqualität macht fünfzig Prozent Lebensqualität aus, dann die Wohnqualität und das Zwischenmenschliche - das natürlich ganz besonders. Aber nun versetzen Sie sich mal in meine Lage: elf Häuser in Frankfurt, der Reitstall, vier Autos - was das allein an Steuern kostet! Und dann die Reparaturen, und, und, und…«
    Ich legte ein Kissen auf den Hörer, kramte zwei Aspirin aus der Schublade, warf sie in ein Glas Wasser und sah, den Kopf in beide Hände gestützt, zu, wie es sprudelte. Herrn Kunzes Stimme kam wie eine gefangene Hummel unter dem Kissen hervor.
    Es war der einunddreißigste März neunzehnhundertneunundachtzig, neun Uhr morgens. Ich hatte Schulden und keine Aufträge. Der Wasserhahn tropfte, die Kaffeemaschine war kaputt und ich müde. Mein Büro glich einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Anonyme Alkoholiker. Aktenordner und leere Bierflaschen waren über Boden und Regale verteilt, die unbeschriebenen Karteikarten rochen nach verschüttetem Whisky. Einziger Wandschmuck ein vier Jahre alter Chivas-Regal-Kalender und eine Postkarte von den Bahamas. Ein Heiratsschwindler, dem ich letzten Herbst auf der Spur gewesen war, hatte sie mir als Einladung zum fünfzigsten Geburtstag geschickt. ›… werde sozusagen den goldenen Junggesellen feiern. Würde mich über Ihr Kommen sehr freuen.‹ Das Bild rundeten ein grauer fleckiger Teppichboden voller Brandlöcher, eine vom Zigarettenrauch gelb verfärbte Tapete und die im Raum verteilten Überreste der geplatzten Kaffeemaschine ab. Im Grunde genommen konnte mir ein Umzug nicht schaden.
    Ich trank das Aspirin und ging zum Fenster. Aprilwetter mit allen Schikanen. Wolken stürmten über den Himmel wie Elefanten; zwischendurch ein Flecken Blau, ein Strahl Sonne, dann wieder Regen. Eine alte Frau kämpfte sich mit Krückstock und Pudel die Häuserwände entlang. Kinder wurden wie Plastiktüten über die Straße gefegt. Im Rinnstein kullerte ein Hut. Die warme Heizung schmiegte sich an meine Knie, und ich erinnerte mich verzweifelter Bittgänge zu Hausverwaltungen und Vermietern, die mir vor sechs Jahren den Winter verdorben hatten. Sie waren im großen und ganzen immer nach dem gleichen Muster verlaufen: Hinter einem Schreibtisch ein Mann mit gefalteten Händen, das Lächeln süßlich, die Augen zu unheilverkündenden Schlitzen verzogen, fragt, als hätte er was Besseres zu tun: »So, so, Herr Kayankaya, Sie sind also Privatdetektiv. Interessanter Name, Kayankaya.«
    »Weniger interessant als türkisch.«
    »Ach.« Das Lächeln wird noch süßer, und die Schlitze sind kaum mehr dicker als Rasierklingen. »Türke. Ein türkischer Privatdetektiv? Was es nicht alles gibt. Und wieso sprechen Sie so gut Deutsch, wenn ich mir die Frage erlauben darf?«
    »Weil ich keine andere Sprache gelernt habe. Meine Eltern sind früh gestorben, und ich bin in einer deutschen Familie aufgewachsen.«
    »Aber Türke sind Sie - ich meine…«
    »Ich habe einen deutschen Paß, falls Sie das beruhigt.« Seine Zunge fährt unentschlossen über die Lippen, um dann zu verschwinden und einer Stimme Platz zu machen, die so unschuldig wie hüpfende Kinder daherkommt.
    »Dürfte ich einmal sehen?«
    Ich gebe ihm das grüne Heftchen. Er blättert darin. Seine Augen

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