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Ein Koffer voller Tiere

Ein Koffer voller Tiere

Titel: Ein Koffer voller Tiere
Autoren: Gerald Malcolm Durrell
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obersten Stufe saß und so unschuldig dreinblickte, daß man den Heiligenschein zu sehen glaubte. Ein Stückchen weiter unten lag die umgekippte Wanne. Stufen und Boden waren gesprenkelt mit hüpfenden, davonhastenden Kröten. Eine Stunde lang glitten wir in dem roten Matsch umher, bis die letzte Kröte eingefangen war und wieder in der Wanne saß. Außer Atem nahm Bob die Wanne; wir brachten sie schweigend auf die Veranda zurück. Auf der obersten Stufe glitt Bob mit seinen lehmigen Schuhen aus, fiel hin und die Wanne rollte abwärts. Zum dritten Mal machten sich die Kröten vergnügt davon.
    Cholmondely St. John war Schuld an einer anderen Flucht; doch war sie weniger anstrengend und dafür interessanter als der Zwischenfall mit den Kröten. In unserer Sammlung hatten wir fünfzehn gemeine, einheimische Haselmäuse, die unseren europäischen Haselmäusen verwandt sind. Sie haben jedoch eine fahle, aschgraue Farbe und einen etwas buschigeren Schwanz. Die Haselmauskolonie wohnte friedlich zusammen in einem Käfig und vergnügte uns abends mit ihren akrobatischen Vorstellungen. Eine Maus konnten wir leicht unterscheiden, denn sie hatte einen winzigen weißen Stern an der Flanke wie ein Miniaturbrandmal. Sie war geschickter als die anderen. Ihre reizenden Sprünge und Purzelbäume hatten unsere uneingeschränkte Bewunderung. Wegen ihrer Zirkuskunststücke tauften wir sie Bertram.
    Wie gewöhnlich ließ ich Cholmondeley St. John eines Morgens zu seinem Gesundheitsspaziergang heraus. Er benahm sich vorbildlich. Dann dachte ich, Jacquie passe auf ihn auf, und sie dachte, ich würde nach ihm sehen. Cholmondeley wartete stets auf solche Gelegenheiten. Als wir unseren Irrtum entdeckt und uns auf die Suche gemacht hatten, merkten wir, daß es zu spät war. Cholmondeley hatte sich damit unterhalten, das Mauseschlafzimmer zu öffnen und den Käfig umzukippen, so daß die tief und friedlich schlafenden Nagetiere auf den Boden fielen. Als wir auf der Bildfläche erschienen, huschten sie aufgeregt hin und her, und Cholmondely galoppierte mit leisen, entzückten »Oooo«-Rufen herum und versuchte, sie zu zertrampeln. Als wir den Affen eingefangen und eingesperrt hatten, war keine Maus mehr zu sehen. Friedlich lagen sie hinter den Käfigen und setzten ihren ununterbrochenen Schlaf fort. Wir mußten also jeden Käfig beiseite schieben, um die Mäuse wieder einzufangen. Als erster brach Bertram hinter einem Affenkäfig hervor. Er floh die Veranda hinunter, Bob sauste hinterher. Als er sich auf ihn warf, rief ich warnend: »Denk an den Schwanz! Fang ihn nicht am Schwanz!« Zu spät. Als Bob sah, wie Bertram sich hinter einer zweiten Käfigreihe hindurchschlängelte, ergriff er ihn am Schwanz. Das Ergebnis war fürchterlich. Die kleinen Nager, in erster Linie diese Haselmäuse, haben am Schwanz eine sehr zarte Haut. Zieht man also am Schwanz und das Tier ebenfalls, reißt die Haut und pellt sich vom Knochen ab wie ein Handschuhfinger. Da es bei allen kleinen Nagern so ist, halte ich es für eine Schutzmaßnahme, genau wie bei Eidechsen, die den Schwanz fahren lassen, wenn man sie fängt. Bob wußte das genauso gut wie ich, doch in der Hitze des Gefechts hatte er es vergessen. So lief Bertram fort, während Bob nur einen flaumigen Schwanz behielt, der lahm zwischen Daumen und Zeigefinger hing. Schließlich ergatterten wir Bertram und untersuchten ihn. Müde saß er auf meiner Handfläche und keuchte. Sein hautloser rosa Schwanz erinnerte an einen Ochsenschwanz, der in den Topf geraten ist. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, verhielt sich das Tier, als sei nichts geschehen, obwohl es das gleiche ist, als wenn einem Menschen die Haut von einem Bein bis auf Knochen und Muskeln abgerissen wird. Aus Erfahrung wußte ich, daß der Schwanz verkümmert und vertrocknet und dann wie ein Zweig abbricht. Das Tier erleidet dadurch keinen Schaden. In Bertrams Fall war die Sache nicht ganz so harmlos, da er den Schwanz bei seinen akrobatischen Darbietungen für die Balance brauchte. Da er jedoch sehr gelenkig war, hoffte ich, es würde ihm wenig ausmachen; für uns jedoch wurde er als Invalide wertlos. Wir mußten also den Schwanz amputieren und Bertram laufen lassen. Als ich den Schwanz abgenommen hatte, setzte ich Bertram traurig zwischen die dicken, gewundenen Zweige der Bougainvillea, die an der Veranda wuchsen. Ich hoffte, er würde sich dort einrichten und später vielleicht Reisende mit seinen Kunststücken unterhalten, wenn er sich an das

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