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Ein Koffer voller Tiere

Ein Koffer voller Tiere

Titel: Ein Koffer voller Tiere
Autoren: Gerald Malcolm Durrell
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HEIMREISE UND SUCHE NACH EINEM ZOO

DURCH BOTEN

    Sehr geehrter Herr,
    ich habe die Ehre, Sie höflichst zu bitten, Ihnen folgende Zeilen unterbreiten zu dürfen:
    1. Ich bedaure außerordentlich, daß Sie mich verlassen, doch Gott sei Dank nicht, weil Sie mit mir unzufrieden sind, sondern weil Sie in Ihre Heimat zurückkehren.
    2. Bei dieser Gelegenheit bitte ich Sie ehrerbietig, daß Sie als mein freundlicher Herr mir ein gutes Zeugnis ausstellen, damit Ihr Nachfolger alles über mich weiß.
    3. Ich habe schon vielen Herren gedient, jedoch keinen so geschätzt wie Sie.
    Der Herr sollte darum einige Empfehlungen über mich zurücklassen, ich würde darüber glücklicher sein als über alles andere in der Welt.
    Ich erlaube mir, Sie meiner Ergebenheit
    zu versichern und verbleibe
    als Ihr
    gehorsamer Diener
    Philipp Onaga

KOFFER VOLLER TIERE

    Nun wurde es Zeit, Vorbereitungen für unseren Aufbruch und die etwa 500 Kilometer lange Reise an die Küste zu treffen. Doch bevor es losgehen konnte, gab es noch eine Menge zu tun. Im allgemeinen ist der Aufbruch die mühevollste und gefährlichste Phase einer Tierfangexpedition. Das Aufladen der Tiere auf die Lastwagen und der Transport über eine solche Entfernung und über Wege, die mehr einem Übungsgelände für Panzer als einer Straße gleichen, ist schon an sich keine leichte Sache. Aber es gibt noch viele andere und nicht weniger wichtige Dinge zu erledigen. Am Hafen muß zum Beispiel die Reiseverpflegung bereitstehen. Auch hierbei können Fehler gefährlich werden, denn man kann nicht zweihundertfünfzig Tiere ohne ausreichende und angemessene Verpflegung für drei Wochen an Bord nehmen. Sämtliche Käfige müssen sorgfältig untersucht und alle Schäden, die bei sechs Monate langer Abnutzung entstehen, repariert werden, um das Risiko eines Ausbruchs an Bord auszuschalten. Käfigstäbe, Verschlüsse an den Türen und besonders schadhafte Böden müssen erneuert werden, das sind nur einige von vielen großen und kleinen Arbeiten.
    Es ist also verständlich, wenn die Vorbereitungen für die Abreise manchmal schon vier Wochen vor dem eigentlichen Aufbruch vom Hauptlager an die Küste beginnen. Es scheint, als sei alles gegen einen verschworen. Die eingeborene Bevölkerung, die ungern eine so wunderbare Einnahmequelle verliert, verdoppelt ihre Anstrengungen, um noch so viel wie möglich herauszuschlagen. Das bedeutet, daß man nicht nur alte Käfige reparieren, sondern auch neue für den plötzlich anwachsenden Zustrom anfertigen muß. Der Telegrafenbeamte scheint völlig durcheinander zu sein, so daß wichtige Telegramme für Empfänger und Absender unverständlich werden. Wartet man nervös auf eine Nachricht über die Lebensmittelvorräte, wirkt ein Telegramm, das in Esperanto abgefaßt zu sein scheint, nicht eben beruhigend auf die Nerven. »Nachricht beantwortet, bedaure kannich ranz grüne Balas, Rügen halbpeipe?«, was sich nach erheblichen Bemühungen als folgender Text herausstellt: »Nachricht erhalten, bedauere, kann nicht ganz grüne Bananen beschaffen, genügen halbreife?«
    Auch die Tiere merken bald, daß irgend etwas in der Luft liegt und versuchen, dich auf ihre Weise in Bewegung zu halten. Kranke Tiere zum Beispiel werden immer kränker und sehen dich so erbarmungswürdig und bleichsüchtig an, daß du fürchtest, sie werden den Weg an die Küste nie und nimmer überleben. Die seltensten und nicht wieder zu beschaffenden Tiere versuchen zu entkommen; gelingt es ihnen, streunen sie umher, verhöhnen dich mit ihrer Gegenwart und rauben dir kostbare Zeit beim Wiedereinfangen. Tiere, die sich bisher geweigert haben, von anderer Kost als etwa Avocado-Birnen oder süßen Kartoffeln zu leben, lehnen sie plötzlich entschieden ab. Dann heißt es eilige Telegramme verschicken und riesige Bestellungen rückgängig machen. Kurzum, dieser Teil der Unternehmung geht einem auf die Nerven. Weil wir aufgeregt und durcheinander waren, machten wir Dummheiten, die das allgemeine Chaos noch erhöhten. Die Geschichte mit den Krallenfröschen soll das demonstrieren. Es ist keine Schande zu glauben, Krallenfrösche seien wirkliche Frösche. Sie sind ziemlich kleine Tiere mit plumpen, froschähnlichen Köpfen und glatter, schlüpfriger Haut, also ganz und gar nicht wie Kröten. Außerdem leben sie fast ausschließlich im Wasser, was Kröten im allgemeinen nicht tun. Für mich sind es schwerfällige Wesen, die neunzig Prozent ihres Lebens unter Wasser verbringen und nur von

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