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Ein Jahr in New York

Titel: Ein Jahr in New York
Autoren: Nadine Sieger
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Oktober
    W IE IM F ILM. Ich stand in der New Yorker Bahnhofshalle Grand Central und musste es mir immer wieder selbst bestätigen. Ich fühlte mich wie im Film. Gerade eben war ich durch das reale Filmset von Kinohits wie „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ („Vergiss mein nicht!“) und den Klassiker „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) gelaufen. Durch das glamouröse Beaux-Arts-Gebäude mit der haushohen Kuppel und dem 1912 irrtümlich spiegelverkehrt aufgemalten Himmelsgewölbe. Hier ergriff Jim Carrey Kate Winslets Hand, und Cary Grant floh vor seinen potentiellen Mördern. Während ich noch damit beschäftigt war, mental weitere Kinohits mit dem Tatort New York aufzulisten, spülte der Strom von Menschen mich und meine zwei Koffer durch das Hauptportal hinaus auf den breiten Gehweg. Hätte ich jemals zuvor New York besucht, wäre ich vermutlich besser vorbereitet gewesen. Stattdessen war ich einfach nur überwältigt. Schwärme gelber Taxen. Penetrante Sirenen- und Hupkonzerte. Menschen aller Nationalitäten. Wow, dort drüben ragte sogar die elegante Silberspitze des Chrysler Buildings über die Häuserzeilen hinweg. Absolute Reizüberflutung. Eine Dynamik, die ich so geballt noch nirgends zuvor erlebt hatte. Der Effekt wurde deutlich durch meine eigene Müdigkeit verstärkt. Seit etwa 15 Stunden war ich nun schon unterwegs, war in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um von Hamburg über Paris nach New York zu fliegen. Ich war physisch erschöpft und gleichzeitigvöllig aufgekratzt. Ich dachte darüber nach, wie schade es ist, dass man solche Augenblicke nur ein einziges Mal zum allerersten Mal erlebt. Alles war klarer, lauter, größer und intensiver. Meine Synapsen liefen auf Hochtouren. Ein undefinierbares Glücksgefühl durchflutete mich. Ich musste grinsen, als hätte ich einen leichten Schwips, und war so ziemlich die einzige Person, die einfach nur bewegungslos auf dem Bürgersteig stand. Damit hatte ich mich auf den ersten Blick als New-York-Novize geoutet. Wer orientierungslos auf den Gehwegen stand, war im Weg. So wie ich, angewurzelt auf dem Bürgersteig. Die New Yorker navigierten zielstrebig um mich herum, wichen mir aus. Als Tourist gerade so geduldet, aber eindeutig ein Fremdkörper. Ich war ein staunendes Hindernis und schaute mit offenem Mund nach oben, nach rechts, nach links und wieder geradeaus. Jeder Blick fing etwas Neues ein. 125 000 Fahrgäste werden hier täglich durch die Stationen des historischen Bahnhofes geschleust, der mit seinen 44 Bahnsteigen angeblich der größte der Welt ist. Ein ziemlich wildes Treiben. Dabei fing alles so überschaubar an.
    John F. Kennedy International Airport. Ich hatte einen riesigen modernen Metropolenflughafen erwartet und sah mich schon mit meinem Gepäck durch das hektische An- und Abreise-Chaos irren. Stattdessen verbrachte ich die erste Stunde in New York mit Warten. Wir Ausländer standen in einer müden, langen Schlange vor der Einwanderungsbehörde eines kleinen miefigen Terminals mit schäbigen Teppichen und Mobiliar aus einem anderen Jahrzehnt. Die Fragen der Einreiseerklärung mussten wir schon im Flugzeug beantworten. Eine konsequente Reihe Neins. Kriminelle Vergangenheit? Nein. Verbindungen zu Terrororganisationen? Nein. Ansteckende Viruskrankheiten? Nein. Ein einziges Ja hätte mich ganz offensichtlich umgehend in dieHeimat zurückkatapultiert. In meinem Reisepass klebte ein frisch ausgestelltes Journalistenvisum. Gültig für die nächsten fünf Jahre. Es gab also keinen einzigen Grund, mir die Einreise in die USA zu verwehren. Trotzdem war ich nervös, als ich endlich an der Reihe war. Ich hatte schon zu viele Horrorgeschichten über die Willkür der Beamten der Einwanderungsbehörde gehört, die Touristen, Schiedsrichtern gleich, regelmäßig die Rote Karte zeigten. Insbesondere seit George W. Bush nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September das „Department of Homeland Security“ zum Heimatlandschutz vor Terroristen gründete, das seit 2003 auch für Immigration und Grenzschutz zuständig ist. Wer Pech hat, wird gleich mit dem nächsten Flieger wieder nachhause befördert. Und das ist nicht selten von der Laune des jeweiligen Officers abhängig. Mein zuständiger Beamter winkte mich mit seiner linken Hand hektisch zu sich und gab mir zu verstehen, dass er keine Zeit mit mir verschwenden wollte. Das war mir nur recht. Die gut sichtbar positionierte Handwaffe an der rechten Gürtelseite

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