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Ein Herzschlag bis zur Ewigkeit

Ein Herzschlag bis zur Ewigkeit

Titel: Ein Herzschlag bis zur Ewigkeit
Autoren: Trevanian
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wirklich ein Jammer, daß LaPointe den Jungen wegen Diebstahls hatte einbuchten müssen, so kurz nachdem der Vater an Kehlkopfkrebs operiert worden war. Aber so geht es eben, es ist sein Beruf. »Das ist gut«, sagt er. »Bin froh, daß er Bewährung kriegt.«
    Der Verkäufer nickt. Für ihn wie für die anderen im Quartier ist LaPointe das Gesetz; seine gute und seine schlechte Seite. Er wird nie den Abend vor sieben Jahren vergessen, als der Lieutenant reinkam, um seinen üblichen Donnerstag-Roten zu holen. Ein junger Mann mit glatten Haaren hatte im Laden herumgelungert und sich genau die Etiketten all der exotischen Aperitifs und Getränke angeschaut. LaPointe bezahlte den Wein und zog in dem Moment, als er das Kleingeld in die Tasche steckte, seine Kanone.
    »Leg die Hände auf den Kopf«, sagte er zu dem jungen Mann.
    Der Junge blickte blitzschnell zur Tür, aber LaPointe schüttelte bloß den Kopf. »Aber nicht doch«, sagte er.
    Der junge Mann legte die Hände auf den Kopf, LaPointe packte ihn am Kragen und drückte ihn auf die Theke. Zwei rasche Griffe unter die Jacke des Jungen, und LaPointe hatte eine billige Automatik zutage gefördert. Während sie auf die Funkstreife warteten, saß der Junge in einer Ecke auf dem Boden, dümmlich und verschüchtert und immer noch mit den Händen auf dem Kopf. Kunden kamen und gingen. Sie schauten unbehaglich zu dem Burschen und LaPointe rüber und vermieden peinlich, ihnen nahe zu kommen, aber keiner stellte eine Frage, und keiner machte eine Bemerkung. Sie verlangten leise ihren Wein und gingen dann.
    In jenem Winter hatte es in der Nachbarschaft verschiedentlich Raubüberfälle gegeben, und dem alten Mann, der den Räubern die Straße runter nachgerannt war, hatten sie in den Magen geschossen.
    Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, sich zu fragen, woher LaPointe wußte, daß der Junge einen Überfall vorhatte. Er war auf der Main das Gesetz, und er wußte alles. In Wirklichkeit hatte LaPointe nichts gewußt, bis zu dem Augenblick, als er in den Laden trat und an dem Jungen vorbeiging. Was er dann auf Anhieb erkannte, war die angestrengte Lässigkeit des Jungen. Das Indianerblut in LaPointe roch die Angst.
    Den griechischen Verkäufer beruhigt, zu wissen, daß LaPointe immer irgendwo da draußen auf der Straße ist. Und doch … und doch ist das derselbe Mann, der seinen Sohn Theo wegen Autodiebstahls festgenommen und für drei Jahre ins Gefängnis gebracht hat. Die gute Seite des Gesetzes und die schlechte. Es hätte aber auch schlimmer kommen können. LaPointe hatte ein gutes Wort für Theo eingelegt.
    Der Lieutenant geht die Main weiter rauf nach Norden. Die braune Tüte mit der Weinflasche liegt schwer in seiner Manteltasche. Er kommt an einem geschlossenen Laden vorbei und prüft automatisch das Vorhängeschloß an dem Gitter vor dem Schaufenster. Einmal ein Schutzmann, immer ein Schutzmann.
    Aber LaPointe muß sich beeilen. Er will zum Pinochle nicht zu spät kommen.

2
    »… und darum haben sich getroffen de Weisen und de Pilpuln von Chelm, um zu klären, was is wichtiger für ihr Städtel, die Sonn' oder der Mond. Schließlich haben se geklärt: der Mond. Und warum? Weil der Mond scheint in der Nacht, wo de Leut, as er nich scheint, würden fallen in de Gräben und zu Schaden kommen. De Sonn' aber scheint nur am Tag, wo es sowieso is hell. Also, zu wos?« David Mogolewski prustet vor Lachen über seine Geschichte, sein dicker Leib wabbelt nur so, sein grölender Baß füllt das enge kleine Zimmer hinter dem Polsterladen bis unter die Decke. »Eih, eih?« ruft er beifallheischend.
    Pater Martin nickt und grinst. »O ja, der ist gut, David.« Er bemüht sich zu zeigen, daß ihm der Witz gefallen hat, aber lachen hat er nie gelernt. Immer, wenn er es aus Höflichkeit versucht, unterläuft ihm ein falscher Ton, der ihm peinlich ist.
    David schüttelt den Kopf und wiederholt, mit Tränen in den Augen: »De Sonn' scheint nur am Tag, wo es sowieso is hell. Also, zu wos?«
    Moische Rappaport lächelt über den Rand seiner runden Brillengläser hinweg und nickt seinem Partner ermunternd zu. Er hat Davids Witze schon hundert Mal gehört und hat noch immer Spaß an ihnen. Vor allem hat er Spaß an der saftigen Kraft von Davids Lache. Manchmal aber, wenn David zu einer seiner längeren Geschichten ausholt, wird er etwas nervös, weil jemand, der sie vielleicht schon kennt, so unhöflich sein könnte, ihm das zu sagen. Bei den Pinochle-Brüdern besteht diese Gefahr

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