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Ein endloser Albtraum (German Edition)

Ein endloser Albtraum (German Edition)

Titel: Ein endloser Albtraum (German Edition)
Autoren: John Marsden
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Erstes Kapitel
    Es ist erst eine halbe Stunde her, seit jemand – ich glaube, es war Robyn – sagte, wir sollten alles aufschreiben, und es ist erst neunundzwanzig Minuten her, seit ich gewählt wurde, und während dieser neunundzwanzig Minuten drängten sich alle um mich, starrten die leere Seite an und schrien Ideen und Ratschläge. Gebt endlich Ruhe, Leute! Ich werde es nie schaffen. Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll, und bei dem Geschrei kann ich mich nicht konzentrieren.
    Okay, so ist es besser. Ich habe ihnen erklärt, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, und Homer hat mich unterstützt. Jetzt sind sie endlich fort und ich kann wieder klar denken.
    Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt tun kann – ich sage es lieber gleich. Ich weiß, warum sie mich gewählt haben. Weil ich angeblich am besten schreiben kann. Aber für das hier braucht es ein bisschen mehr, als einfach schreiben zu können. Kleinigkeiten können einem im Weg stehen. Kleinigkeiten wie Empfindungen, Gefühle.
    Aber damit werden wir uns später befassen. Vielleicht. Wir müssen abwarten.
    Ich sitze jetzt unten am Bach auf einem umgestürzten Baum. Einem schönen Baum. Kein verfaulter, alter Baum, den boshafte kleine Maden angefressen haben, sondern ein junger mit glattem, rötlichem Stamm und die Blätter sind zum Teil noch grün. Schwer zu sagen, warum er umgestürzt ist – er sieht so gesund aus –, aber vielleicht ist er zu nahe am Bach gewachsen. Es tut gut, hier zu sitzen. Der Weiher ist nur etwa zehn mal drei Meter groß, aber überraschend tief – in der Mitte reicht einem das Wasser bis zur Taille. Die Insekten erzeugen kleine, konzentrische Wellen, weil sie das Wasser berühren, wenn sie über die Oberfläche gleiten. Ich möchte wissen, wo und wann sie schlafen. Ich möchte wissen, ob sie die Augen schließen, wenn sie schlafen. Ich möchte wissen, wie sie heißen. Eifrige, schlaflose, unbekannte Insekten.
    Um ehrlich zu sein: Ich schreibe nur über den Weiher, damit ich nicht tun muss, was ich tun soll. Wie Chris; der findet immer einen Weg, Dinge zu umgehen, die er nicht tun will. Ihr seht: Ich verschweige nichts. Ich habe sie gewarnt, dass ich nichts verschweigen werde.
    Hoffentlich macht es Chris nichts aus, dass sie mich und nicht ihn gewählt haben, denn er kann wirklich schreiben. Er hat ein wenig verletzt, sogar ein wenig neidisch ausgesehen. Aber er war nicht von Anfang an dabei, also wäre es nicht gegangen.
    Ich sollte lieber in den sauren Apfel statt mich auf die Zunge beißen. Man kann es nur auf eine einzige Art tun, und zwar, indem man alles der Reihe nach erzählt. Ich weiß, dass es für uns wichtig ist, es niederzuschreiben. Deshalb waren wir alle so aufgeregt, als Robyn diesen Vorschlag machte. Es ist schrecklich, schrecklich wichtig. Indem wir mit Worten auf Papier aufzeichnen, was wir getan haben, sagen wir uns, dass wir etwas bedeuten, dass wir wichtig sind. Dass die Dinge, die wir getan haben, einen Unterschied machen. Ich weiß nicht, wie groß dieser Unterschied ist, aber es ist ein Unterschied. Es niederzuschreiben bedeutet, dass man sich vielleicht an uns erinnern wird. Und das ist weiß Gott wichtig für uns. Keiner von uns will als ein Haufen toter, weißer Knochen enden, unbeachtet und unbekannt. Und am schlimmsten wäre es, wenn niemand wüsste, welche Risiken wir eingegangen sind, und wenn keiner es würdigte.
    Dabei fällt mir ein, dass ich das hier wie ein Geschichtsbuch schreiben sollte, sehr ernsthaft und unpersönlich. Aber das kann ich nicht. Jeder hat seine eigene Art und das ist eben meine. Wenn sie meine Art nicht mögen, müssen sie sich jemand anderen suchen.
    Okay, dann fange ich also an.
    Das Ganze begann, als ... Diese Worte sind komisch. Jeder verwendet sie, ohne darüber nachzudenken, was sie bedeuten. Wann beginnt etwas? Für jeden beginnt es, wenn er geboren wird. Oder vorher, als seine Eltern heirateten. Oder vorher, als seine Eltern geboren wurden. Oder als unsere Vorfahren die Gegend kolonisierten. Oder als die Menschen aus dem Schlamm und dem Schmutz platschten, ihre Flossen und Finnen abwarfen und zu gehen begannen. Aber abgesehen von all dem war das, was uns hier widerfuhr, ein eindeutiger Anfang.
    Also: Das Ganze begann, als Corrie und ich sagten, wir wollten in den Busch und während der Weihnachtsferien einige Tage wie Wilde leben. Es war eine dieser idiotischen Ideen: »Wäre es nicht großartig, wenn ...« Wir hatten schon oft im Freien gecampt, schon als

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