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Ein bretonisches Erbe

Ein bretonisches Erbe

Titel: Ein bretonisches Erbe
Autoren: Valerie Menton
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1
Großvaters Asche

    Das Friedhofstor war verschlossen, aber deshalb noch lange nicht unüberwindbar. Jedenfalls nicht für die junge Frau in dunkler Kleidung, die soeben daran rüttelte. Ehrlich gesagt, hatte Yuna Lindberg damit gerechnet, es verriegelt vorzufinden.
    Nach Sonnenuntergang wurden die beiden Zugänge zum Friedhof regelmäßig abgesperrt. Das musste scheinbar sein, dachte sie ein wenig amüsiert, weil es in der Stadt ja ganz offensichtlich vor Grabräubern nur so wimmelte, die anderenfalls die kostbaren Grabbeigaben aus den Familiengruften des gehobenen Bürgertums umgehend entwendet hätten. Das kannte man ja aus dem alten Ägypten. So etwas sollte in der beschaulichen deutschen Mittelstadt, die ihre Heimat war, gar nicht erst einreißen. Darum musste dem natürlich unbedingt behördlicherseits präventiv ein Riegel vorgeschoben werden.
    Genau dieser aber war es nun, der Yunas Unternehmung etwas mühsamer gestaltete, als es bei liberalerer Handhabung der Friedhofsordnung nötig gewesen wäre. Allein, das würde sie nicht hindern, ihre Mission wie geplant durchzuführen.
    Sie trug Sportschuhe und begann nun damit, im kalten Licht des Mondes, der in seinem letzten Viertel stand, an dem reich verzierten schmiedeeisernen Tor emporzuklettern. Das war ein wenig schwierig, denn obwohl sie eine recht sportliche Figur hatte, gehörte diese Art Sport nicht zu ihren üblichen Freizeitbeschäftigungen.
    Besonders der obere Abschluss des Tores, der mit gefährlichen Speerspitzen in den Nachthimmel ragte, nötigte ihr Respekt ab und musste mit größter Vorsicht überstiegen werden, damit sie sich daran nicht aufspießte.
    Eine Freundin war einmal beim Überklettern eines ähnlichen Gitterzaunes abgerutscht und hatte sich einen solchen Spieß in die Hand gerammt. Es hatte stark geblutet und die Wunde musste mit mehreren Stichen in der Notambulanz genäht werden. So etwas konnte Yuna jetzt keinesfalls gebrauchen. Also ging sie sehr behutsam zu Werke und zwang sich zur Ruhe. Dabei war sie alles andere als gelassen, denn was sie vorhatte, war nicht nur illegal, sondern auch ein wenig makaber. Aber es musste sein.
    Sie überstieg das Tor und sprang dann von halber Höhe auf den Kies des Friedhofsweges. Das Knirschen war deutlich zu hören und ein Nachtvogel, ein Käuzchen vielleicht, reagierte darauf mit heiserem Schrei.
    Yunas dunkle, schlanke Gestalt verharrte einen Moment sprungbereit in lauernder Stellung, dann setzte sie behutsam, jedes unnötige Geräusch vermeidend, Schritt vor Schritt. Sie war äußerst angespannt und sicherte ihren Weg mit allen Sinnen. Wie eine Großkatze auf Beutejagd.
    Schließlich erreichte sie die kleine Kapelle des Friedhofs, deren Wände großblättriger Efeu überzog. Auch hier war die Tür verschlossen, würde sie aber ebenso wenig von der Durchführung ihres Vorhabens abhalten wie das verriegelte Eingangstor.
    Obwohl ihr ganzes Verhalten an Nekrophilie oder schwarzmagische Rituale denken ließ, verfolgte sie einen völlig anderen Plan.
    Sie nahm nun ihren Rucksack ab und holte daraus diverse Werkzeuge hervor, die einem Vampirjäger alle Ehre gemacht hätten. Aber Stemmeisen und Hammer würden nicht zum Durchbohren eines untoten Herzens gebraucht werden. Ihre schlichte Aufgabe bestand lediglich darin, die Tür der Friedhofskapelle zwar brachial, aber doch ohne großen Zeitverlust aufzubrechen. Denn Zeit war knapp.
    Sie setzte den Meißel an, ein kurzer kräftiger Schlag und das Schloss war geknackt. Die Freude über den raschen Erfolg entlockte ihr ein kurzes Lächeln. Yuna versteckte das Werkzeug in einem prächtigen Rhododendron neben der Eingangstür, nahm den Rucksack in die linke Hand und schlüpfte in die Kapelle.
    Eine große weiße Kerze brannte am Altar, auf dem in einem Blumenmeer die Urne stand. Bronzefarben, matt poliert, schlicht aber edel in Form und Anmutung.
    Jene Urne, auf die es Yuna abgesehen hatte und wegen der sie sich gerade über Gesetz und Ordnung hinwegsetze. Ohne Zögern ergriff sie den sakralen Gegenstand und stopfte ihn wenig pietätvoll in ihren Rucksack.
    Dann setzte sie diesen wieder auf den Rücken, blies die Kerze aus und verließ die Kapelle und den Friedhof auf dem selben Weg, auf dem sie gekommen war.
    Yunas Herz schlug nun unrhythmisch und ziemlich heftig. Die erzwungene Ruhe wich der ängstlichen Sorge, möglicherweise entdeckt und an ihrem Vorhaben doch noch gehindert zu werden. Aber diese plötzliche Nervosität war nur allzu verständlich, denn

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