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Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beforderung eines Menschen von Ort zu Ort

Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beforderung eines Menschen von Ort zu Ort

Titel: Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beforderung eines Menschen von Ort zu Ort
Autoren: Beauman Ned
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    BERLIN, 1931
    Wenn du deinem Gastgeber versehentlich eine Zuckerschale über den Teppich kippst, dann ist das eine Parodie auf die Lawine, die seine Eltern umgebracht hat, ganz so wie deine neue Freundin mit dem Entenschnabel, den sie mit den Lippen macht, wenn sie sich an einem verführerischen Schmollmund versucht, die Quakgeräusche deiner letzten Freundin beim Sex zitiert. Wenn nachts das Telefon klingelt, weil ein Fremder dem Fräulein vom Amt die falsche Nummer gegeben hat, dann ist das eine Hommage an den unbedachten Austausch von Telegrammen, die der Ehe deines untreuen Vetters ein Ende bereitet haben, ganz so wie die satte Delle zwischen den ausbalancierten Streben der Schlüsselbeine deiner neuen Freundin der offensichtlichen Schönheit des vollfleischigeren Dekolletés deiner vorigen Freundin eine Absage erteilt. So erschien es zumindest Egon Loeser, denn die beiden Dinge, die seinem Verständnis von einem männlichen Leben als einer im Wesentlichen konstanten, nachvollziehbaren und den Regeln der newtonschen Mechanik gehorchenden Unternehmung am meisten im Wege standen, waren Frauen und Unfälle. Und manchmal kam es ihm so vor, als ließe sich nur dann verhindern, dass diese zwei Unglücksboten ihn in völlige geistige Umnachtung stürzten, wenn man sie nicht wie Omen behandelte, sondern wie Texte, die es zu studieren galt. Deshalb galt das Prinzip: Unfälle sind Anspielungen, genau wie Frauen. Dass sie es unbewusst sind, macht sie als Anspielungen nicht weniger gewitzt oder treffend; nein, sie sind es dadurch umso mehr, weshalb es vermutlich ein Fehler ist, sie mit Vorsatz zu konstruieren. Der zweite Grund, es nicht zu tun, ist, dass dich dann wahrscheinlich alle für ein Riesen-Arschloch halten würden.
    Und das war die letzte Sorge, die Egon Loeser durch den Kopf huschte, bevor er eines Morgens im April 1931 den Hebel seiner Teleportationsvorrichtung umlegte. Wenn es schiefging, würden alle sagen: Warum um alles in der Welt hast du deinen experimentellen bühnentechnischen Prototypen ausgerechnet nach dem unglückseligsten experimentellen bühnentechnischen Prototypen der Theatergeschichte benannt? Warum diese Anspielung? Warum diese beiden Pferde vor einen Karren spannen? Wenn man den Teufel an die Wand malt, kommt er dich holen, das weiß jedes Kind. Oder, um aus dem deutschen Sprichwort ein englisches herauszufiltern: Warum das Schicksal herausfordern?
    Aber Loeser war auf geradezu abergläubische Weise nicht abergläubisch. Einmal hatte er sich im Allientheater eine halbe Stunde vor der Vorstellung auf die Bühne gestellt, nur um »Macbeth!« zu rufen, bis er heiser war. Und einer der langjährigen Psychiatrie-Patienten seines Vaters war ein amerikanischer Finanzmann gewesen, der seine Yacht im selben Geist »Titanic« getauft hatte, seine Töchter Goneril und Regan und sein Unternehmen »Roman Empire Holdings«. So konnte er der im englischen Sprachgebrauch üblichen Definition von Schicksal nicht die Rolle eines Schmocks zuschreiben, der nie ein ironisches Humptata ausließ, genauso wenig wie er der im deutschen Sprachgebrauch üblichen Definition des Teufels die Rolle eines eitlen Schauspielers zuschreiben konnte, der jeden Morgen seinen Namen in den Klatschkolumnen der Zeitungen suchte (obwohl Gott möglicherweise genau das tat). Unfälle spielen auf etwas an, das Nachäffen ist ihre Sache nicht. Etwas nach etwas anderem zu benennen, kann nach den Gesetzen der Logik die Wahrscheinlichkeit, dass dieses neue Etwas nach dem alten gerät, nicht erhöhen. Aber wenn der heutige Testlauf völlig schiefging, würden die Menschen trotzdem sagen, dass er das Ding nicht Teleportationsvorrichtung hätte nennen sollen.
    Aber was hatte er schon für eine Wahl? Die ganze Apparatur war vor allen Dingen für den Einsatz in einem Stück über das Leben Adriano Lavicinis bestimmt, des größten Bühnenbildners des 17. Jahrhunderts. Und den Höhepunkt des Stücks bildete das schauerliche Scheitern von Lavicinis Erstaunlichem Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort, im Diskurs unserer Tage besser als »die Teleportationsvorrichtung« bekannt. Da Egon Loeser sich selbst für eine moderne Ausgabe Lavicinis hielt und die Teleportationsvorrichtung seine herausragendste Innovation darstellte, gerade so wie die alte Teleportationsvorrichtung Lavicinis herausragendste Innovation gewesen war, wäre es noch abwegiger gewesen, die Parallele zwischen den beiden abzuwürgen,

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