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Dunkle Tage

Dunkle Tage

Titel: Dunkle Tage
Autoren: Gunnar Kunz
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wir kennen den Inhalt.“
    „Und Sie? Sind Sie gut mit Ihrem Schwager ausgekommen?“
    Schlagartig erlosch der rosige Hauch auf ihrem Gesicht. „Er … schätzte mich nicht besonders.“
    Wieder forschte Gregor nicht weiter nach. „Erzählen Sie mir vom gestrigen Tag.“
    „Was meinen Sie?“
    „Erzählen Sie einfach, woran Sie sich erinnern, von morgens an. Wie war die Stimmung, was haben alle gemacht …?“
    „Beim Frühstück gab es Streit, aber nicht mehr als sonst. Morgens besprechen Hermann und Max immer alles Nötige für den Tag, und meist sind sie unterschiedlicher Ansicht.“
    „Nur die beiden? Was ist mit Friedrich?“
    „Ach, Friedrich … der versteht nichts vom Geschäft.“
    „Und dann?“
    „Dann brachen die Männer zur Arbeit auf. Bis zum Abendessen habe ich keinen mehr gesehen.“
    „Gab es dabei weiteren Streit?“
    „Es verlief … eher einsilbig.“
    „Kein Streit?“, insistierte Gregor.
    Käte wägte ihre Antwort sorgfältig ab. Hinter jeder Frage schien sie zu vermuten, dass deren Beantwortung sie auf die Streckbank bringen würde. „Max hatte später noch eine Unterredung mit Friedrich, soviel ich weiß. Ich nehme an, er hat mal wieder etwas verbockt. Friedrich, meine ich.“
    „Kam das öfter vor?“
    „Er fällt ständig auf windige Unternehmungen herein. Max hat manchmal damit gedroht, ihn rauszuwerfen.“ Sie bemerkte den Ausdruck von Spannung in Gregors Haltung. „Das hat nichts zu bedeuten. Max hat immerzu gedroht, um seinen Willen durchzusetzen. Trotzdem war die Familie ihm heilig, das muss man zu seiner Ehre sagen.“
    „Wissen Sie, wie das Gespräch ausging?“
    „Ich bin gleich zu Bett gegangen, weil ich Migräne hatte.“
    „Und Ihr Mann?“
    „Hermann hat nach dem Essen noch gearbeitet, glaube ich, und ist später wohl ausgegangen. Er kam erst zurück, als ich schon schlief.“
    „Sie haben also Max Unger zum letzten Mal lebend gesehen, als er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog, habe ich das richtig verstanden?“
    Die Erwähnung des Todes ließ sie zusammenzucken. Ihre säuerliche Miene drückte aus, dass sie es als Fauxpas empfand, derartige Dinge nicht in mindestens drei Lagen Samt zu wickeln, ehe sie ausgesprochen wurden. Sie antwortete mit einem knappen Nicken.
    „Wann war das?“
    „Irgendwann nach sieben. Elsa kann Ihnen darüber genauere Auskunft geben.“
    „Und er benahm sich ganz normal? Keine Anzeichen, dass er, zum Beispiel, Angst vor irgendetwas hatte?“
    „Max hatte keine Angst. Er hielt sich für allmächtig.“ Es gelang ihr nicht, die Bitterkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken, obwohl sie sich Mühe gab.
    „Ist Ihnen sonst etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“
    „Ich habe tief und fest geschlafen bis zum Morgen, als mein Mann mich weckte, um mir mitzuteilen, dass Max … dass er … getötet wurde.“
    „Und dann?“
    „Bin ich aufgestanden und habe dafür gesorgt, dass der Haushalt zur Ruhe kommt und die Dienstboten den Vorfall nicht als Ausrede benutzen, alles schleifen zu lassen.“
    „Sie waren also nicht selbst im Arbeitszimmer?“
    „Herr Kommissar, ich hege kein Verlangen, mich solch blutigen … Obszönitäten auszusetzen.“
    „Noch eine Frage zum Schluss: Sagt Ihnen der Name Broscheck etwas?“
    „Wer ist das – jemand aus dem Betrieb?“
    „Oder das Pseudonym Thor?“
    Sie schüttelte den Kopf. „Darf ich jetzt gehen? Ich habe furchtbare Migräne!“
    „Vielen Dank, dass Sie so lange ausgehalten haben! Wenn Sie bitte Ihren Gatten hereinschicken würden …“
     
    Hermann Unger war ein Mann von bulliger Statur, dem man ohne weiteres zutraute, dass er Hindernisse kraft seiner Masse aus dem Weg räumte. Dass es ein Fehler wäre, in ihm nur einen rohen Machtmenschen zu sehen, wurde Hendrik klar, als der Industrielle sich nicht dem Kommissar gegenüber in das hereinfallende Licht setzte, sondern stattdessen einen Sessel im Halbschatten benutzte. Offenbar besaß er einen sicheren Instinkt für die kleinen Vorteile, die im Leben entscheidend sein können. Hendrik skizzierte ihn als Stier.
    „Wird auch Zeit“, knurrte der Industrielle. „Ich muss in der Fabrik nach dem Rechten sehen und unsere Geschäftspartner auf Veränderungen vorbereiten, und dann steht die Verlesung des Testaments an. Sie haben keine Ahnung, was alles zu tun ist!“
    „Ich will einen viel beschäftigten Mann wie Sie nicht lange mit Lappalien wie einem Mord aufhalten“, erwiderte Gregor, aber bei Hermann Unger war Ironie verschwendet, denn

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