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Dunkle Tage

Dunkle Tage

Titel: Dunkle Tage
Autoren: Gunnar Kunz
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Blick zum zehn Meter entfernten Fenster des Arbeitszimmers. „Der Mörder muss sein Opfer von hier aus beobachtet haben. In der Dunkelheit war er nicht zu sehen und hatte selbst freie Sicht.“
    Hendrik stellte sich neben seinen Bruder. Wirklich konnte man von hier das ganze Zimmer einsehen, während man selbst weder von der Straße noch von der Eingangstür aus zu bemerken war.
    „Gibt es Fußspuren?“
    Edgar schüttelte den Kopf. „Auch keine Kleidungsfasern. Ich hab’ jeden Millimeter abgesucht.“
    Gregor zuckte die Achseln. „Da kann man nichts machen. Dann also auf zum Verhör! Schick mir bitte die Familienmitglieder in die Bibliothek, Edgar! Einzeln. Und dann will ich noch den Wachtmeister sprechen, der zuerst hier war. Und ruf Dr. Pauly an, er soll mit der Obduktion schon mal anfangen. Wenn ich hier fertig bin, fahre ich gleich zu ihm in die Charité.“
    Die Brüder Lilienthal begaben sich in die Bibliothek des Hauses, die geradezu verschwenderisch ausgestattet war: Meyers Konversationslexikon, Goethe, Schiller, Lessing, griechische Philosophie, Bücher zur Kulturgeschichte – alles, was in den Haushalt des Bildungsbürgertums gehörte. Hendrik zog verschiedene Bände aus den Regalen, entdeckte überall Staub und konnte unschwer schließen, dass keines der Bücher je gelesen wurde. Er ärgerte sich über Menschen, die Bücher nur als Dekoration benutzten, während manch Bildungshungriger nicht das Geld hatte, sich auch nur einen Bruchteil der hier versammelten Schätze zu leisten.
    Gregor nahm an dem großen Mahagonitisch in der Mitte des Raumes Platz, Hendrik verzog sich in einen Ohrensessel in der Ecke, wo er hoffte, unsichtbar bleiben und die Familie des Toten in Ruhe beobachten zu können.
2
    Es gibt Menschen, bei denen das Wort „sauber“ – ein Begriff, der an und für sich einen Zustand beschreibt – eine Charaktereigenschaft ist. Käte Unger war solch ein Mensch. Ihre Haltung, die deutlich machte, dass ihrem Körper etwas so Ordinäres wie Schweißabsonderungen fremd waren, ihr Mienenspiel – alles drückte Sauberkeit aus, Sauberkeit, wie man sie in sterilen Labors vorfindet als Folge überreichlicher Verwendung von Säure.
    Hendrik holte seinen Skizzenblock hervor, den er immer bei sich trug, und entwarf eine Karikatur von ihr. Er bewunderte die Zeichnungen von Heinrich Kley aus dem Simplicissimus und den Lustigen Blättern , vor allem seine Skizzenbücher . Kleys Chimären und Fabelwesen, seine halb menschlichen, halb tierischen Gestalten, auf boshafte Weise idyllisch und stets mit Witz und Sympathie entworfen, hatten es ihm angetan. Von diesem Stil inspiriert, gab Hendrik Käte Unger das Gesicht eines Wiedehopfs. Trotz seiner Nebenbeschäftigung entging ihm jedoch keine ihrer Äußerungen.
    „Sie sind die Frau von Hermann Unger, dem jüngeren der Brüder?“, erkundigte sich Gregor.
    „Dem mittleren. Friedrich ist der jüngste.“
    Gregor nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. „Ich würde gern einen Eindruck von Ihrer Familie und dem Haushalt bekommen. Wenn Sie so freundlich wären, mir zu verraten, welche Personen hier leben …“
    „Die drei Brüder und ich. Das Personal wohnt nicht im Haus, abgesehen von Joseph, unserem Diener, und dem Hausmädchen Elsa.“
    „Max Unger war nicht verheiratet?“
    „Seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben.“
    „Eine Krankheit?“
    „Etwas in der Art.“
    Hendrik fand die Antwort befremdlich, aber sein Bruder ließ es dabei bewenden und wechselte taktvoll das Thema. „Haben Sie Kinder?“
    „Zwei Söhne. Sie leiten die Exportgeschäfte der Firma im Ausland.“
    „Was ist mit Friedrich und Max?“
    „Friedrich ist geschieden. Keiner von beiden hat Kinder.“
    „Wie war das Verhältnis der Brüder zueinander?“
    Käte biss sich auf die Lippen.
    „Eine ehrliche Antwort wäre mir lieb“, sagte Gregor. Es gehörte nicht viel Menschenkenntnis dazu zu bemerken, dass Käte Unger unangenehmen Dingen aus dem Weg ging.
    „Er war kein umgänglicher Mensch“, gab sie zu. „Ich sollte so etwas nicht sagen, aber niemand wird ihn vermissen. Nicht einmal das Unternehmen. Er … er hatte einfach keinen Weitblick. Seit Jahren ist es immer Hermann gewesen, der den Wagen aus dem Schmutz gezogen hat. Er hätte das Werk von Anfang an leiten sollen!“
    „Ich nehme an, das wird in Zukunft der Fall sein?“
    „Ja. Wenigstens in seinem Testament hat Max Weitblick bewiesen.“
    „Testament? Ist das denn bereits verlesen?“
    „Nein, aber

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