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Du graue Stadt am Meer: Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. Biographie (German Edition)

Du graue Stadt am Meer: Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. Biographie (German Edition)

Titel: Du graue Stadt am Meer: Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. Biographie (German Edition)
Autoren: Jochen Missfeldt
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Wolken über Land und Meer
    Im Sommer auf dem Deich bei Husum: Der Himmel über der Nordsee glänzt seit heute Morgen, ein blaues Gewölbe ohne Wolken. Die Sonne steht über Eiderstedt im Süden, die Luft ist klar, der Horizont zieht weit hinten im Westen einen deutlichen Strich über das Wasser. Zu Füßen liegt das Watt. Auf den Halligen stehen strohgedeckte Häuser, wie von der Warft gehoben. So hat auch Theodor Storm diese Meereslandschaft vom Deich aus gesehen.
    An der Westküste von Schleswig-Holstein ist der August der wärmste Monat. Hier oben, zwischen zwei Meeren, im äußersten Norden Deutschlands, am südlichen Rand Dänemarks, folgt die größte Hitze auf den höchsten Sonnenstand. Hier, auf dem Deich, weht aus westlicher Richtung ein kräftiger, warmer Wind über die Nordsee, streicht über Halligen und Wattenmeer, Salzwiesen und Schafe. So hat auch Storm den Wind gespürt und den Meer- und Schafgeruch in der Nase gehabt.
    Wenn der Wind über die Küste weht, bremst ihn das Land, und die von der Sonne beheizte Erde erwärmt die Luft weiter. Man sieht sie über windstillen Plätzen, sie flimmert und steigt, und im Steigen kühlt sie langsam wieder ab: In tausend Meter Höhe entstehen die wunderbaren Wolken. So hat auch Storm die Wolken gesehen.
    Landeinwärts von der tiefen Marsch liegt höhere, sandige Geest, vom Deich aus nur ein paar Kilometer ostwärts. Sie liefert noch mehr Temperatur, und die liefert noch mehr Turbulenz. Die weißen, sich höher und höher türmenden und quellenden Haufenwolken färben sich an der Unterseite schwarz bis blauschwarz. Hier sammelt sich der Wasserdampf, kurz bevor er kondensiert. Irgendwann öffnet sich irgendwo ein Schleusentor und lässt Regen auf die Geest fallen. Auch das hat Storm so gesehen, wenn er auf der Geest war: hoch oben segelnde Wolkengiganten, Figuren und Bilder, Raumteiler der Lüfte, die Licht und Schatten geben und dem Himmel Tiefe.
    Dort, an der Unterseite der großen, dunklen Wolken, ist es für den Segelflieger am besten. Dort kann sein Flugzeug von der Turbulenz profitieren und stundenlang in der Luft bleiben. Dort oben, gleich unter der dicken, dunklen Wolke, wird er getragen von einer aus Sonnenenergie errichteten, unaufhörlich von unten nach oben strömenden Luftsäule. Da oben dreht er seine Kreise und blickt aus tausend Meter Höhe hinab.
    Da unten ziehen sich die gelben Weizenfelder und die grünen Weidewiesen der Marsch bis an den Geestrand. Die Wiesen und Felder sind große und kleine Rechtecke und liegen da wie mit Lineal auf einem Zeichenbrett gezeichnet. Auf der Geest wachsen Kartoffeln, Mais, Raps und kleine Wälder. Geest heißt »unfruchtbares Land«. Der Begriff stammt aus dem Altfriesischen und Urgermanischen, in ihm steckt noch das Wort »gähnen«, und das bedeutet für die Geest: Sie sperrt das Maul auf und schluckt jede Menge Regenwasser. Nirgendwo in Schleswig-Holstein regnet es so viel wie auf der Geest.
    Die Geest ist das verkehrsfreundliche Gelände und eignet sich bestens für den Wegebau. Seit uralter Zeit haben sich die Menschen hier ihre Wege eingerichtet, um von Norden nach Süden und von Süden nach Norden zu gelangen. Pilger pilgerten nach Rom, Viehtreiber trieben ihr Vieh nach Husum und Altona, Krieger kämpften hier ihre Kriege. Und hier und da am breiten, sandigen Wegesrand lag ein Wirtshaus, das »Utspann« oder »Nobiskrug«, »Gläserkrug« oder »Carlsburg«, »Petersburg« oder »Engelsburg« hieß. Das waren logistische Zentren, wo die Viehtreiber ihr Vieh versorgten, hier vermietete der Wirt Pferd und Wagen, Personal und Unterkunft. Speis und Trank servierten Mägde, die auch Verwundete versorgten, wenn die Kneipe als Lazarett gebraucht wurde. Hier wurden seriöse Geschäfte verabredet, nach Feierabend gab es Bier und Schnaps und Lug und Trug. Bei flackerndem Licht, das »Unschlittkerzen« aus Rindertalg spendeten, redeten die Gäste in verschiedenen Sprachen, sie erzählten Spukgeschichten auf Plattdeutsch, Plattdänisch, Hochdeutsch, Niederländisch, Dänisch und Friesisch.
    Husum liegt am Meer als Brückenkopf der Geest. Wie ein Komet stürzt sich die Stadt in die Nordsee, so mag der Segelflieger es von seiner Warte aus sehen. Im Süden, gleich hinter der Husumer Au, liegt lang und breit die fette, verkehrs- und kriegsfeindliche Südermarsch. Nördlich von Husum berührt die Geest noch die Nordsee. Am Brückenkopf Husum enden die uralten, alten und neuen Verkehrsverbindungen, von Norden aus Niebüll

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