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Du findest mich am Ende der Welt

Du findest mich am Ende der Welt

Titel: Du findest mich am Ende der Welt
Autoren: Nicolas Barreau
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1
    Mein erster Liebesbrief endete in einer
Katastrophe. Ich war damals fünfzehn und halb ohnmächtig vor Liebe, wenn ich
Lucille nur sah.
    Sie kam kurz vor den Sommerferien an unsere
Schule, ein Geschöpf von einem anderen Stern, und selbst heute, viele Jahre
später, scheint es mir, daß es einen ganz eigenen Zauber hatte, wie sie dort
zum ersten Mal vor unserer Klasse stand, in ihrem himmelblauen, duftigen,
ärmellosen Kleid und den langen silbrig-blonden Haaren, die das feine
herzförmige Gesichtchen einrahmten.
    Sie stand ganz ruhig da, ganz aufrecht, lächelnd,
das Licht fiel geradewegs durch sie hindurch, und unsere Lehrerin, Madame
Dubois, ließ den Blick prüfend über die Klasse schweifen.
    Â»Lucille, du kannst dich erst einmal neben
Jean-Luc setzen, da ist noch ein Platz frei«, sagte sie schließlich.
    Meine Hände wurden feucht. Ein leises Raunen ging
durch die Klasse, und ich starrte Madame Dubois an wie die gute Fee aus dem
Märchen. Selten in meinem späteren Leben habe ich dieses Gefühl gehabt, das man
nur dann empfinden kann, wenn das Glück so völlig unverdienterweise über einen
hereinbricht.
    Lucille nahm ihre Schultasche und schwebte zu
meiner Bank, und ich dankte meinem Klassenkameraden Etienne aus tiefstem
Herzen, daß er so vorausschauend gewesen war, sich gerade jetzt einen
komplizierten Armbruch zuzulegen.
    Â»Bonjour, Jean-Luc «, sagte Lucille höflich,
es waren die ersten Worte, die sie überhaupt sagte, und der offene Blick aus
ihren hellen, wasserblauen Augen traf mich mit der Wucht eines Wolkengewichts.
    Mit
fünfzehn wußte ich nicht, daß Wolken tatsächlich viele Tonnen wiegen, und wie
hätte ich das auch ahnen sollen, wo sie doch so weiß und duftig am Himmel entlangschweben
wie Zuckerwatte.
    Mit
fünfzehn wußte ich vieles nicht.
    Ich
nickte, grinste und versuchte, nicht rot zu werden. Alle sahen zu uns herüber.
Ich spürte, wie das Blut mir heiß in die Wangen schoß, und hörte die Jungen
kichern. Lucille lächelte mir zu, als hätte sie es nicht bemerkt, wofür ich ihr
sehr dankbar war. Dann setzte sie sich mit großer Selbstverständlichkeit auf
den ihr zugewiesenen Platz und zog ihre Hefte heraus. Bereitwillig rückte ich
ein Stück zur Seite, atemlos und stumm vor Glück.
    Der Unterricht begann, und doch weiß ich von diesem Schultag
nur noch eines: Das schönste Mädchen der Klasse saß neben mir, und wenn sie
sich vorbeugte und die Arme aufstützte, konnte ich den zarten hellen Flaum in
ihren Achselhöhlen sehen und ein winziges Stückchen verwirrend weicher, weißer
Haut, das zu ihrer Brust führte, die unter dem Himmelskleid verborgen blieb.
    Die nächsten Tage waren ein einziger glückstrunkener Taumel.
Ich sprach mit keinem, ich ging am Strand von Hyères entlang, meiner kleinen
Heimatstadt am südlichsten Zipfel Frankreichs, und schickte den Ansturm meiner
Gefühle übers Meer, ich schloß mich in meinem Zimmer ein und hörte laut Musik,
bis meine Mutter gegen die Tür hämmerte und rief, ob ich verrückt geworden sei.
    Ja,
ich war verrückt. Verrückt auf die schönste Weise, die man sich nur vorstellen
kann. Verrückt im Sinne von verrückt. Nichts mehr war an seinem alten Platz,
ich selbst am wenigsten. Alles war neu, anders. Mit der Naivität und dem Pathos
eines Fünfzehnjährigen stellte ich fest, daß ich kein Kind mehr war. Ich verbrachte
Stunden vor dem Spiegel, reckte mich und musterte mich kritisch von allen
Seiten, um zu sehen, ob man es sah.
    Unentwegt spielte ich Tausende von Szenen durch, die mir meine
fieberhafte Phantasie eingab und die immer auf die gleiche Weise endeten – mit
einem Kuß auf den roten Kirschmund von Lucille.
    Mit einem Mal konnte ich es
morgens kaum erwarten, in die Schule zu gehen. Ich war bereits eine
Viertelstunde da, bevor der Hausmeister das große Eisentor aufschloß, in der
unbegründeten Hoffnung, Lucille allein zu begegnen. Nicht ein einziges Mal kam
sie zu früh.
    Ich erinnere mich, daß ich an einem Tag in einer Mathematikstunde
siebenmal meinen Bleistift unter die Bank fallen ließ, nur um meiner
Angebeteten näher zu kommen, sie in vorgetäuschter Absichtslosigkeit zu berühren,
bis sie ihre Füße in den leichten Sandalen kichernd zur Seite setzte, damit ich
das, wonach ich angeblich tastete, wieder aufheben konnte.
    Madame Dubois warf mir

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