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Drei sind einer zuviel

Drei sind einer zuviel

Titel: Drei sind einer zuviel
Autoren: Barbara Noack
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werden Sie nun Ihre einsamen Abende
verbringen. Haben Sie gar kein Muffensausen vor der Zukunft?«
    Peter lachte. »Sie machen sich mehr Sorgen als
ich. Es wird schon irgendwie werden...« Er trank sein Bier aus und stand auf.
»Ich lade rasch mein Gepäck aus. Dauert nicht lange.«
    »Ich hab ja auch noch mein Schinkenbrot«, sagte
Karlchen und wickelte Messer und Gabel aus der Serviette.
    Peter sah ihr dabei zu. »He — Sie — ich find’s
ganz nett mit Ihnen.«
    »Ich auch«, versicherte Karlchen.
    »Gestern fand ich Sie nicht so nett.«
    »Das geht manchem so. Man muß sich erst an mich
gewöhnen.«
    Er ging. Hinter ihm fiel die Drahtrolle um. Der
junge blonde Mann vom Nebentisch erhob sich und stellte sie wieder auf.
Karlchen schaute ihm interessiert zu.
    »Sie fällt immer um«, sagte er erklärend.
    »Ja«, nickte Karlchen. »Sie fällt immer um«, und
biß in ihr Brot.
    Und danach beobachteten beide gespannt die
Rolle. Sie stand jetzt wie eine Eins.
    »Warum legen Sie sie nicht hin?« fragte
Karlchen.
    »Hinlegen?« überlegte er. »Ja, natürlich. Das
ist ’ne Idee.«
    Er stand auf, legte die Rolle hin und setzte
sich wieder. Karlchen kaute mit langen Zähnen an ihrem Brot mit gekochtem
Schinken. Sie schaute sich suchend auf dem Tisch um. Der junge Mann reichte ihr
den Senf herüber.
    »Danke. Woher wissen Sie?«
    »Ich kenne diesen Schinken.«
    »Sind Sie aus der Gegend?«
    »Nein. Aber ich wohne hier.«
    Karlchen musterte ihn. Er war ein besonders
hübscher junger Mann. Was ihn auf Anhieb für Frauen so anziehend machte, waren
seine tiefliegenden, bekümmerten Augen. Er sah so verletzbar aus.
    »Ich bin erst ’n paar Wochen hier in Nebel«,
sagte er. »Ich komme aus Berlin.«
    »Aha. Wie lebt es sich denn hier?«
    Er zuckte die Achseln: »Auf alle Fälle
billiger.«
     
    Inzwischen stand Peter mit Koffern, Taschen und
Radio vor einem abweisend nüchternen Haus. Seine Fassade machte den Eindruck
einer täglich gescheuerten. Mehrere Gardinen waren in Bewegung, als er die
Klingel drückte. Fast im gleichen Moment öffnete sich die Haustür. Seine neue
Wirtin, Frau Obermayer, musterte Peter ohne Lächeln. Sie trug Hausschuhe und
drei Schürzen übereinander, eine davon zum Schonen der anderen.
    Peter, den nichts so leicht zu erschrecken
vermochte, rief munter: »Grüß Gott, Frau Obermayer. Da bin ich.«
    »Ja, ich seh«, sagte sie gedehnt und trat zur
Seite, damit er sein Gepäck in den Flur buckeln konnte. Im Hausflur roch es
säuerlich.
    Frau Obermayer wies mahnend auf seine Füße: »Die
Schuhe! Das war ausgemacht.«
    Ergeben kickte er die Slipper von seinen Hacken
und schleppte auf Socken und unter ihrer Aufsicht seine Habe die Treppe hinauf.
    Das Zimmer, das er im ersten Stock gemietet
hatte, war von erlesener Ungemütlichkeit, aber sauber. Sein einziger Schmuck —
ein frommer Druck vom geigenden Eremiten.
     
    In der Gastwirtschaft hatte das kontaktfreudige
Karlchen inzwischen einiges über den Drahtrollenbesitzer erfahren. Er hieß
Benedikt Kreuzer, war Architekt, zur Zeit stellungslos, wohnte nicht in Nebel,
sondern etwa vier Kilometer entfernt am Wald.
    »Weit weg von jedem Umweltschmutz. Ich würde
sagen, von jeder Umwelt überhaupt.«
    »Das ist bestimmt sehr gesund, aber besonders
komisch ist es nicht, oder?«
    »Nein«, versicherte er ihr. »Es ist so eine Art
Überlebenstraining. Wie lange halte ich es ohne Ansprache, ohne jedes Lebewesen
— ausgenommen Vögel und Ungeziefer — in meiner Einsiedelei aus.« Er sah auf
seine Uhr und erhob sich. »Mein Auto ist zur Durchsicht. In zehn Minuten geht
der Schulbus, mit dem ich zurückfahren kann.«
    »Im Bus? Mit dem ganzen Gelump? Und das bei
Ihrem schlimmen Bein!?«
    Benedikt Kreuzer zuckte die Achseln. »Was soll’s
— « Ihm war zur Zeit so ziemlich alles egal. Das spürte Karlchen.
    »Und
vom Bus — haben Sie’s da noch weit?«
    »Vielleicht
zehn Minuten Feldweg.«
    Das waren fünf Minuten zuviel — ihrer Meinung
nach.
    Entschlossen stand sie auf. »Ich fahre Sie
heim.«
    Er konnte das nicht so recht kapieren. »Sie mich
—? Warum? Sie kennen mich doch gar nicht. Und wenn Ihr Freund inzwischen
zurückkommt?«
    »Habe
ich ihn von München hierhergekarrt, kann ich Sie wohl die paar Kilometer
heimbringen.«
    »Ja
aber, das ist doch ’n Unterschied.«
    »O ja. Sie haben ein schlimmes Bein, er nicht.
Warten Sie, ich nehme Ihnen was ab.« Sie stürzte sich auf die Drahtrolle.
»Außerdem ist er nicht mein Freund. Ich kenne ihn noch nicht

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