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Drei sind einer zuviel

Drei sind einer zuviel

Titel: Drei sind einer zuviel
Autoren: Barbara Noack
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1
     
    An einem Aprilabend fuhr Charlotte Müller,
genannt Karlchen, mit ihrem rostigen Kombi, der bis zum Kragen mit Töpferwaren
aus dem Westerwald beladen war, in München ein.
    Der Kombi war halb so alt wie Karlchen. Sie
wurde im Juni rostfreie Zwoundzwanzig.
    Neben ihr auf dem Beifahrersitz knitterte eine
handgemalte Wegbeschreibung ihres Onkel Ernst, die von seiner Lebensgefährtin
Marianne mit Rotstift korrigiert worden war.
    Karlchen, im Sog der Autoherde von Ampel zu
Ampel rollend, entzifferte aus dieser widersprüchlichen Gemeinschaftsarbeit
immerhin, daß sie nach der nächsten Kreuzung rechts abbiegen und dann geradeaus
fahren mußte bis zu einer Tankstelle, die mangels Kunden stillgelegt worden
war. Die Gegend, durch die sie nach Verlassen der Hauptstraße kam, wurde immer
stiller und immer neuer — auch die Bäumchen rechts und links der Straße waren
noch fast neu.
    Und dann sah sie schon das Betonsilo gegen den
Abendhimmel ragen. Es handelte sich um ein Bauherrenmodell, weder schön noch
solide gebaut, aber ungemein steuersparend, weshalb Onkel Ernst blindlings
zugegriffen hatte, als ihm eine der Wohnungen angeboten worden war.
Anschließend war die Rezession gekommen, die Interessenten ließen sich nicht
länger jeden Mist andrehen, deshalb blieben zwei Drittel der Wohnungen
unverkauft.
    »Was«,
so Onkel Ernst, »auch einen Vorteil hat. Dadurch ist es schön ruhig in der
Gegend.«
    Gegen
»schön ruhig« hatte Karlchen nichts einzuwenden, aber mußte es denn gleich so
tot sein? Sie stieg aus.
    Auf
dem riesigen Parkplatz graulten sich fünf Autos, und nun graulte sich Karlchen
mit ihnen.
    Als sie Koffer und Seesack vor der Haustür
abstellte, um nach den Schlüsseln zu suchen, fielen ihr die vielen blinden
Namensschildchen auf dem Klingelbrett auf, gerade neun waren beschriftet. Neun
Mieter in fünf Stockwerken!
    Ob
sie nicht doch im Hotel absteigen sollte? Aber auf eigene Kosten? Lieber
zittern.
    Sie fuhr mit dem Aufzug in den dritten Stock,
öffnete vorsichtig die Lifttür, schob Koffer, Seesack und schließlich sich
selber auf den betonierten Flur, in dem ihre Schritte hallten wie im
Horrorfilm. Ein leeres Haus ist was Schlimmes, aber wer garantierte ihr, daß
seine Flure wirklich leer waren, daß da nicht irgendeiner hinter der nächsten
Ecke auf sie lauerte, und sie war doch noch so jung-!
    Karlchen atmete zum erstenmal tief durch, als
sie die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen hatte. Es roch muffig in dem
kleinen, dürftig möblierten Zweizimmerapartment. Auf dem Wohnzimmertisch
dorrten noch die Blumen von Mariannes letztem München-Besuch vor sich hin.
Telefonläuten holte Karlchen frühzeitig vom Klo. Sie nahm den Hörer ab. Ehe sie
etwas sagen konnte, brüllte Onkel Ernst:
    »Charlotte! Bist du endlich da? Wir haben schon
zweimal angerufen!«
    »Nein, dreimal!« rief Marianne dazwischen.
    »Wie war die Fahrt nach München?« fragte Onkel
Ernst.
    »Ach, es ging. Aber das leere Haus hier! Die
Angst!«
    »Alles Gewöhnung«, mischte sich Marianne wieder
ein. »Mir ist da noch nie etwas passiert.«
    »Ja, dir — «, sagte Onkel Ernst.
    »Steck für alle Fälle das Brotmesser ein, wenn
du weggehst«, riet Marianne.
    »Lieber den Pfefferstreuer! Dem Gegner direkt in
die Augen!« kommandierte Onkel Ernst.
    »Da kommt sie doch gar nicht mehr zu. Hallo,
Karlchen, bist du noch da?«
    »Ja.«
    »Ruf Gaby an. Ruf sie gleich an.«
    »Warum soll sie denn Gaby gleich anrufen?« hörte sie Onkel Ernst fragen.
    »Herrgott, Ernst! Damit sie nicht so allein in
München ist.«
    Karlchen verabschiedete sich erschöpft und
suchte Gabys Nummer aus dem Telefonbuch.
     
    Gaby Hess hatte mongolische Augen und schräge
Wangenknochen, was Männer ja gerne mögen, und eine Stimme wie ein Kettenraucher
am nächsten Morgen. Wenn sie eine kleine Party gab so wie heute, trug sie ihre
auf einem Asientrip erworbenen exotischen Gewänder auf.
    Zwei junge Buchhändler — Toni und Reni — waren
bei ihr, ein juristischer Christoph und Peter Melchior, der dem Telefon am
nächsten saß und darum den Hörer abnahm, als es klingelte. »Hallo? — Wer? — Ich
verstehe nicht! Seid mal ruhig!« Er wartete einen Moment, dann sagte er
bedauernd in den Hörer: »Die sind nicht ruhig. Wer ist da? — Charlotte?«
    Jetzt war es ruhig. Gaby dachte angestrengt
nach, ob sie eine Charlotte kannte.
    »Ist das so eine Blonde?« erkundigte sich
Christoph.
    Peter betrachtete den Telefonhörer und zuckte
die Achseln.
    »Ach, Karlchen !«

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