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Dreck

Dreck

Titel: Dreck
Autoren: Garry Disher
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Eins
    Die Arbeit war dreckig, die Kleinstadt ein Witz, aber für Wyatt zählten nur die Vorteile – kein Mensch kannte ihn, keine Bullen weit und breit und niemand rechnete mit einem Überfall auf die Lohngelder.
    Als das Geld ankam, steckte er mit beiden Armen im Schmierfett. Aus einer Wolke aus Staub tauchte in Höhe des Friedhofs der Steelgard Security Van auf, schob sich hinter dem grünen Bowling-Clubhaus hoch, um vor dem Tor eines provisorisch errichteten Zauns zu bremsen, der das Baulager der Brava-Construction von dem kleinen Städtchen trennte. Er beobachtete, wie der Transporter langsam durch das Tor ins Lager hineinrumpelte und vor dem Büro der Bauleitung hielt, etwa fünfzig Meter entfernt von dort, wo Wyatt sich gerade die Hände schmutzig machte. Er sah auf die Uhr: Mittag. Zwei Männer stiegen aus, die sofort anfingen, Geldbomben ins Baubüro zu schleppen. Als einer von ihnen in seine Richtung blickte, beugte sich Wyatt rasch wieder über seine Arbeit und machte sich noch dreckiger.
    Er wartete Getriebe in der Reparaturwerkstatt des Baulagers. Die letzten Donnerstage wurde er nördlich der Stadt eingesetzt, als Teil des Trupps, der die Pipeline über die Weizenfelder verlegte. Aber diesmal hatte er einem der Chilenen fünfzig Dollar gezahlt, damit er mit ihm tauschte, und nun steckte er bis zu den Ellbogen im Schmierfett und beobachtete die Ankunft des Geldes.
    Normalerweise achtete Wyatt darauf, nicht mit dem Ort des späteren Geschehens in Verbindung gebracht zu werden. Wenn er in einer Stadt war, schlug er sein Lager in irgendeinem entfernteren Stadtteil auf und aus dem Nichts heraus zu. Doch das hier war keine Stadt, das war Belcowie. Einwohnerzahl: zweihundert, eine staubige Kleinstadt mit ein paar Farmen, drei Stunden nördlich von Adelaide. Dort gab es eine Four Square-Supermarktfiliale, eine Post, vier riesige Getreidesilos, eine Autowerkstatt mit einer einzigen Zapfsäule, eine Bank, die zwei Nachmittage die Woche geöffnet hatte, fünfzig Häuser, keine Polizeistation und einen Pub, der wahrscheinlich noch nie bessere Zeiten gesehen hatte.
    Brava-Construction hatte hundertfünfzig Männer angeheuert, als sie den Auftrag zum Verlegen der Gas-Pipeline in der Tasche hatten. Durstig waren sie alle. Erstaunlicherweise war etwa ein Drittel von ihnen Mittel- und Südamerikaner. Der Boss, ein Argentinier namens Jorge Figueras, erzählte jedem, der es hören wollte, dass sein größtes Anliegen sei, den Armutsflüchtlingen und Verfolgten von Todeskommandos, Generälen und Kommunisten zu helfen. Die Verträge liefen über zehn Monate, und die Löhne waren hoch. Hundertfünfzig Männer à $1.500 die Woche, weitere $50.000 für Manager-Gehälter und Spesen, das machte zusammen mindestens $275.000. Außerdem fuhr der Steelgard-Van vorher zehn weitere Banken in einem Radius von hundert Kilometern an. Wenn die Fahrt dann in Belcowie endete, so weit Wyatts Berechnung, könnten alles in allem ganze $400.000 bei dem Raubüberfall rausspringen.
    Es musste vor Ort ausgearbeitet werden. Zunächst hieß es beobachten und dann planen, und das brauchte seine Zeit. Es war also nicht ratsam, einen Touristen oder Geschäftsmann zu mimen – weder der eine noch der andere würde sich länger als unbedingt nötig in Belcowie aufhalten. Als einer von hundertfünfzig Hartgesottenen jedoch würde Wyatt unauffällig seinen Geschäften nachgehen können. Und wenn die Bullen sich am nächsten Zahltag durch die Befragung einiger hundert Einwohner und Bauarbeiter gearbeitet hätten, würde er längst verschwunden sein.
    Die Sirene kündigte heulend die Mittagspause an. Wyatt streckte seinen steif gewordenen Rücken. Er war groß und wirkte geschmeidig, und sein Gesicht hatte etwas von der harten Schärfe, die einem Ärger vom Leib hielt, wenn die Latinos allzu hitzig wurden. Sie waren freundlich, aufgeweckt und sentimental und er kam gut mit ihnen aus. Aber manche glaubten, sie müssten sich beweisen, und er konnte manchmal fühlen, wie sie ihn beobachteten und mit Seitenblicken sein schmales, hakennasiges Gesicht und seine geschickten, muskulösen Arme taxierten.
    Er durchquerte den Schuppen und gesellte sich zu den chilenischen Mechanikern an den Waschbecken. Aus dem Seifenspender ließ er Handreiniger in die Handflächen tropfen, verteilte ihn über Arme und Hände. In diesem Augenblick lief eins von Leahs Mädchen hinter dem Schuppen vorbei zu ihrem Wohnwagen. Die Chilenen johlten und pfiffen hinter ihr her, und einer

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